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Steffen Geyer UsualRedAnt Steffen Geyer - UsualRedAnt

Gedanken über Drogenpolitik, Cannabis und die Legalisierung

Weisheit des Tages
The only thing that can save the world is the reclaiming of the awareness of the world. That's what poetry does. (Allen Ginsberg)
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Vom Substanzfaschismus zur Suchtpolitik

23 Kommentare vom 06.09.2010

Heute geht es im Tagesrausch um eine "Denke", die leider auch unter sonst aufgeklärten Konsumenten noch weit verbreitet ist.

Ich spreche vom Phänomen des Substanzfaschismus, also der Idee, dass (m)eine Droge die einzig richtige sei. Dabei ist keine Droge per Definition gut oder böse. Entscheidend ist wie der Konsument mit ihr umgeht - das Konsummuster.

Als Reaktion auf substanzfaschistische Forenkommentare stelle ich euch heute die beiden grundlegenden Herangehensweisen an das Thema Drogenpolitik vor.

Zunächst schildere ich die Auswirkungen der derzeitigen, von staatlicher Seite verordneten, (überwiegend) repressiven Substanzpolitik. Diese Politik beruht auf dem seit 1961 beinahe weltweit geltenden Verbot bestimmter Stoffe, Pflanzen und Organismen. Zum "Schutz" vor vermeintlichem Drogenübel wird das Drogenverbot koste es was es wolle durchgesetzt.

Als Alternative schlage ich eine Suchtpolitik vor, die nicht die gebrauchten Substanzen sondern die betroffenen Konsumenten in den Mittelpunkt stellt.

Substanzfaschismus ist falsch!

Selbst unter vergleichsweise aufgeklärten (Cannabis-)Konsumenten gibt es Zeitgenossen, die prinzipiell am bestehenden System der Ausgrenzung bestimmter Drogen festhalten wollen. Den eigenen Rausch befreien wollen alle, aber wenn es um die Masse der Rauschmittel geht, die sie nicht selbst konsumieren, dann verfallen Manche in "überholte Denkmuster". "Meine Droge ist besser als deine Droge" denkt so mancher Konsument.

Dabei ist keine Ding, keine Pflanze, keine Droge von sich aus gut oder böse. Für die Frage "Gebrauch oder Missbrauch" ist nicht die verwendete Substanz entscheidend, sondern das Verhalten des Konsumenten. Das Konsummuster sagt weit mehr über Risiken und Abhängigkeitspotentiale aus, als die Frage "Hasch oder Pillen".

Drogennazis in Hanfforen!?

Die Ablehnung des anderen Konsumenten nimmt insbesondere in Hanfforen mitunter groteske Züge an. So musste ich im Rahmen meiner Promotion für die Hanfparade 2011 unter anderem lesen: Naaaaa, gehts auf der Hanfparade immernoch um alle möglichen Drogen? Falls "ja" werde ich mich dadran natürlich nicht beteiligen.

Allein die Thematisierung des Leids der nichtkiffenden Drogenkonsumenten führt in der Gedankenwelt der Hanffaschisten dazu, dass die Konsumenten der "richtigen Droge" (Cannabis) in ein schlechtes Licht gerückt werden. Man selbst ist scheinbar etwas Besseres.
Das fremde Rauschbedürfnis wird dann gerne auch sprachlich abgewertet: Als Ergebnis wird einmal mehr die Cannabisdiskussion ins Lager der Polytoxis gedrängt.

Substanzpolitik = Repression

Wer die Auswirkungen des seit 1961 mit der Single Convention on Narcotic Drugs beinahe weltweit geltenden Verbots bestimmter psychoaktiver Stoffe, Pflanzen(teile) und Organismen vorurteilsfrei betrachtet, kommt meist zu dem Schluss, dass das Verbot seine Ziele (Reduzierung des Angebots und der Nachfrage nach illegalisierten Substanzen) verfehlt. Drogen sind heute nicht weniger verbreitet als bei Verabschiedung des UNO-"Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel".

Dabei werden weltweit jährlich Milliarden Euro in die Durchsetzung dieses Verbots gepumpt - (Para)Militärische Einheiten liefern sich Kriege mit Drogenkartellen; Sprühflugzeuge verwüsten, bei dem Versuch "Drogenpflanzen" zu vernichten, ganze Landstriche; Millionen sitzen wegen des überwiegend repressiv propagierten Substanzdogmas im Gefängnis.

Dem Wettrüsten zwischen Drogenjägern und Drogenverkäufern, bei dem das Wohl der Drogenkonsumenten längst keine Rolle spielt, fallen zunehmend auch unbeteiligte Nichtkonsumenten zum Opfer. Allein in diesem Jahr sind mehrere tausend vermeidbare Todesfälle unmittelbare Folge der verfehlten Drogenpolitik. Extremstes Beispiel dieser besorgniserregenden Entwicklung ist der offen tobende Drogenkrieg in Mexiko.

Folgen illegaler Drogenmärkte

Wer im Supermarkt zu Wein oder Bier greift, kann sich darauf verlassen, dass sich die auf dem Etikett angegebene Menge Alkohol in dem Getränk befindet. Auch wer Zigaretten raucht, weiß um Inhaltsstoffe und Risiken seines Konsums.
Anders stellt sich die Lage für Konsumenten dar, die auf den Schwarzmarkt angewiesen sind. Jugendschutz, Qualitätskontrolle oder Wirkstoffinformation sind in der Illegalität Fremdwörter. Stattdessen gibt es Begleitkriminalität, soziale Ausgrenzung und gefährliche Streckmittel.

Verfolgung verhindert Hilfe

Die Jagd staatlicher Stellen auf Konsumenten behindert darüber hinaus zunehmend den Zugang zu Hilfsangeboten. Aus Angst vor der Polizei sterben (auch in Deutschland) Menschen an behandelbaren Überdosen oder Wechselwirkungen verschiedener Substanzen. Dazu kommen ungezählte Fälle, in denen Konsumenten den Gang in eine Beratungsstellen aus Angst vor juristischen Problemen und sozialer Ausgrenzung meiden, obwohl sie um ihr Suchtproblem wissen.

Suchtpolitik = Akzeptanz

Angesichts dieser wachsenden Probleme, deren Ursprung nicht die Substanzen sondern die falsche Politik ist, setze ich mich für eine Suchtpolitik ein, die nicht die Droge sondern den Menschen in den Fokus rückt. Statt Drogenkonsum zu verteufeln und die an Rauscherlebnissen reiche Lebenswirklichkeit der meisten Menschen zu kriminalisieren, will ich die Risiken des Konsums minimieren, niedrigschwellige Hilfsangebote stärken und mich darauf konzentrieren Konsumenten die Informationen an die Hand zu geben, die sie drogenmündig macht.

Prävention = Drogenerziehung

Präventionsarbeit oder Rauschkunde, wie ich sie zur besseren Unterscheidbarkeit von der Variante "erhobener Zeigefinger" gerne nenne, darf nicht auf das Abstinenzdogma beschränkt sein. Ihr Ziel ist nicht die "drogenfreie Gesellschaft", sondern eine "Gesellschaft selbstbewusster Konsumenten". Rauscherziehung muss die Risiken des Konsums von Drogen natürlich thematisieren. Sie darf dabei erwünschte Effekte jedoch nicht verschweigen.

Punktnüchternheit

Das wichtigste Prinzip einer modernen Suchtpolitik und das oberste Ziel akzeptierender Präventionsarbeit ist in meinen Augen das Konzept "Punktnüchternheit". Das bedeutet: Wichtiger als "keine" Drogen zu nehmen, ist es, zum richtigen Zeitpunkt nüchtern zu sein!
Bei der Teilnahme am Straßenverkehr, während der Schwangerschaft, in Schule und Beruf, bei gefährliche Tätigkeiten (Pilot, Polizist, Baggerfahrer) und an gefährlichen Orten (Demonstrationen etc.) sollten aufgeklärte Konsumenten aus eigenem Antrieb auf Rausch verzichten.

Repressionskosten oder selbstfinanzierte Prävention

Last but not least sei der Hinweis gestattet, dass sich Suchtpolitik auch für Nichtkonsumenten auszahlt. Immerhin verschlingt das bestehende System der Verfolgung des Umgangs mit Drogen Milliarden Euro Steuergelder, während die Gewinne des vom Verbot weitgehend ungebremsten Drogenhandels die Mafia finanzieren.
Legale Drogenmärkte könnten im Gegensatz dazu Milliarden Euro an Steuern und Sozialabgaben erwirtschaften. Präventionsarbeit und eventuelle Krankheitskosten würden dank einer akzeptierenden Politik so erstmals von den Konsumenten selbst finanziert.

Kiffen dürfen reicht nicht!

Auch wenn mir der eine oder andere Hanfnazi jetzt böse sein mag, aber: Die Legalisierung von Cannabis ist ein wichtiger Schritt, aber sie ist nicht das Ende des Weges! Wer Hanf legalisiert, darf dann nicht stehen bleiben. Die allermeisten Argumente für die Legalisierung von Cannabis gelten analog auch für vermeintlich gefährlichere Substanzen. Kiffen dürfen reicht nicht!

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Aktuelle Lesermeinungen

06.10.2011 um 05:45 Uhr | Kommentar von Anonym
Das lächerlichste an diesem Disput ist die Tatsache, dass genau die ach so liberalen, biofetischistischen 100 %-igen Hanf-Legalizer die erzkonservativsten Hardliner sind. Ihr seid nicht nur eigennützig sondern auch Grundrecht-verachtend - wie Nazis halt (und viele mehr).
01.08.2011 um 02:01 Uhr | Kommentar von Anonym
Ein weiterer Grund, mich da in keiner Weise zu engagieren. Mit dem Thema machst du ein riesen Fass auf, oder um in deiner Wortwahl zu bleiben: Du eröffnest die Ostfront. ;)
Wenn du sagst, die Cannabislegalisierung ist erst der Anfang, klingt das in den Ohren der politischen "Mitte" wie das Ende. Wenn man mal die inhaltliche Diskussion außen vor lässt, ist das zumindest strategisch eine Katastrophe. So wird das nie was. Nennt die Demo dann doch bitte anders.
02.07.2011 um 08:34 Uhr | Kommentar von Raver
Nachdem ich jetzt, nach dem Schreiben meines ersten Kommentars, die anderen Kommentare gelesen habe, möchte ich mich doch noch mal zu Wort melden.

Ich denke, in einem sind sich alle einig: Die Nomenklatur "Substanzfaschismus" ist zwar provokant, schiesst aber weit über das Ziel (provozieren, neugierig machen) heraus. Der Begriff "Faschismus" wird international (und auch literarisch) eher dem (ursprünglichen) italienischen Faschismus zugeordnet -denn so war die Selbstbezeichnung der damaligen Denkweise unter Muselini- (die primäre Assoziation mit deutschem Nationalsozialismus machen nur wir Deutsche), aber das spielt auch keine Rolle: Faschsmus ist eine rechtsorientierte, die mit Unrcht und Gewalt ihre Ziele versucht hat durchzusetzen...aber ich will nicht weiter auf Begrifflichkeiten rumreiten. Ich denke, diesem Faupas bist Du Dir schon länger bewusst ;-)

Was sich in den contraorientierten Kommentaren ganz klar heraus kristallisiert, ist dass sie Deine Motivation, "drogenglobal" zu denken (und zu thematisieren), nicht ganz verstanden haben. Meine Vermutung: Diesen Gedankengang hast Du noch nicht, und wenn, dann nur unzureichend dargestellt.

Hanfparade ist HANF-Parade, und das wird auch so bleiben...auch wenn einige Redner "über den Tellerrand" schauen. Nur: Das ist im Gesamtverständnis unumgänglich und absolut notwendig.

Das BtmG ist absolut nicht "scheisse" und hat durchaus seine Berechtigung: Ich arbeite in einem Bereich, in dem Substanzen, die durch das BtmG geregelt werden, an Menschen verabreicht werden. Mein Fazit: Die genaue Kontrolle und Dokumentation, und der dadurch klar nachvollziehbare Erwerb und Umgang damit, ist unbedingt nötig: Denn ebenso beobachte und erforsche ich den Bereich des Medikamentenmissbrauchs. Die Zahlen derjenigen, die Medikamente (Schmerzmittel, Antidepressiva etc) missbrauchen, es also den Patienten "klauen" um den Arbeitsalltag leichter zu überstehen, ist erschreckend hoch -die Dunkelziffer ist schockierend. Zudem kommen die, die diese Mittel "offiziell" vom Arzt verschrieben bekommen...die Gesamtzahl dürfte weit über 50% liegen. Es gibt hoch potente, stark sucht erzeugende synthetische Opioide die nicht durch das BtmG geregelt und kontrolliert werden...für jeden dort arbeitenden ganz leicht und problemlos zugänglich, ohne dass es irgend jemanden auffällt. Ich befürworte daher nicht nur das BtmG, sondern auch eine Erweiterung und Verschärfung des BtmG, ABER: Auch ein Überdenken der Handhabung, Form und strafrechtlichen Konsequenzen. UND: Dass dort Substanzen aufgeführt sind, die nicht da hin gehören, ist unumstritten. UND: KEINE Substanz, darf komplett verboten sein. Das behindert die Forschung und sorgt dafür, dass erwiesen hoch wirksame Medikamente den Menschen vorenthalten werden, die genau dies benötigen...bestes Beispiel: THC.
Jeder Arzt ist verpflichtet (!) einen Schmerzpatient so schnell es geht zu behandeln, auch wenn es nach offiziellem Dienstende ist...ein Zahnarzt DARF (und wird!) einen Mensch mit Zahnschmerzen nicht abweisen, auch wenn es bedeutet, dass er dadurch Überstunden machen muss. ABER: Ein Staat verwährt einem krebskrankem Menschen, der durch die Chemo und der Krankheit immense Schmerzen hat, Qualen erleidet, mit unkontrollierbarer Übelkeit kämpft, was alles mit "erlaubten" Mitteln nur unzureichend behandelt werden kann, ein nebenwirkungsarmes, aber hoch wirksames Medikament, das ihm Linderung verschaffen könnte...das widerspricht aller Logik. Aber ein nur leicht chemisch abgeändertes Mittel, das kaum erforscht ist, und sich mittlerweile als gefährliche Droge entpuppt hat, darf legal in einem Laden (noch nicht mal in einer Apotheke) verkauft werden...aufgrund eines veränderten Moleküls. Das sprengt den gesunden Menschenverstand vollends...und zeigt ganz klar auf: Der Aufbau und die Handhabe des BtmG muss dringend überdacht werden.

Es gibt extrem gefährliche Substanzen, und damit meine ich nicht nur direkt auftretende oder durch Dauerkonsum erzeugte, objektive Schäden des Körpers, sondern auch die psychischen Schäden und Veränderungen und die Auswirkungen auf den sozialen Bereich.

Ich denke, wir meinen des selbe: Die ganze Drogenpolitik muss überdacht werden, die Legalisierung von Hanf ist nur ein kleiner Teil von dem, was dringend verändert werden muss. Daher ist ein alle Drogen betreffendes Denken unumgänglich. Das Beschränken auf die Legalisierung einer Pflanze reicht nicht aus, und ist meiner Meinung nach daher engstirnig. Und "engstirnig" meine ich nicht böse, und unterstelle niemandem Mutwillen dies bezüglich...um eine Veränderung zu erreichen, um den Gesamtzusammenhang zu verstehen, reicht das Beschränken auf eine Substanz, und das Verdammen/Verteufeln aller anderen (illegalen) Substanzen nicht aus. Die, die so denken, können nichts für ihre Engstirnigkeit und ihre Naivität: Ihnen fehlt einfach das Wissen, um den Gesamtzusammenhang zu verstehen.

Werter UsualRedAnt, ich denke, das nähere Erläutern und Erklären des gesamtzusammenhängenden, nötigen Wissens, solltest Du mal direkt als Thema aufgreifen...das wäre ein wichtiger Informationsbeitrag, den Du bisher nur unzureichend (und daher leicht missverständlich) erläutert hast.

Bei näherer Betrachtung der Negativkommentare wird zumindest für mich ganz deutlich, dass sie Dich in diesem Punkt einfach missverstehen, da Du die Nötigkeit eines weitreichenderen Denkens, das über die Legalisierung von Cannabis hinaus geht, als Thema unzureichend und zu wenig erläutert aufgreifst...eine spezifische Behandlung und Darstellung dieses Themas wäre für die Legalisierungsbewegung (und das hierfür nötige Gesamtverständnis) ein wichtiger und wertvoller Beitrag, und würde Deine missverstandene Denkweise wieder in das richtige Licht setzen ;-)

Viel Erfolg Genosse...weiter so. Und Danke für Deine aktiven Bemühungen, die Welt ein klein bisschen besser und gerechter zu machen.

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