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Gedanken über Drogenpolitik, Cannabis und die Legalisierung
23 Kommentare vom 06.09.2010
Heute geht es im Tagesrausch um eine "Denke", die leider auch unter sonst aufgeklärten Konsumenten noch weit verbreitet ist.
Ich spreche vom Phänomen des Substanzfaschismus, also der Idee, dass (m)eine Droge die einzig richtige sei. Dabei ist keine Droge per Definition gut oder böse. Entscheidend ist wie der Konsument mit ihr umgeht - das Konsummuster.
Als Reaktion auf substanzfaschistische Forenkommentare stelle ich euch heute die beiden grundlegenden Herangehensweisen an das Thema Drogenpolitik vor.
Zunächst schildere ich die Auswirkungen der derzeitigen, von staatlicher Seite verordneten, (überwiegend) repressiven Substanzpolitik. Diese Politik beruht auf dem seit 1961 beinahe weltweit geltenden Verbot bestimmter Stoffe, Pflanzen und Organismen. Zum "Schutz" vor vermeintlichem Drogenübel wird das Drogenverbot koste es was es wolle durchgesetzt.
Als Alternative schlage ich eine Suchtpolitik vor, die nicht die gebrauchten Substanzen sondern die betroffenen Konsumenten in den Mittelpunkt stellt.
Selbst unter vergleichsweise aufgeklärten (Cannabis-)Konsumenten gibt es Zeitgenossen, die prinzipiell am bestehenden System der Ausgrenzung bestimmter Drogen festhalten wollen. Den eigenen Rausch befreien wollen alle, aber wenn es um die Masse der Rauschmittel geht, die sie nicht selbst konsumieren, dann verfallen Manche in "überholte Denkmuster". "Meine Droge ist besser als deine Droge" denkt so mancher Konsument.
Dabei ist keine Ding, keine Pflanze, keine Droge von sich aus gut oder böse. Für die Frage "Gebrauch oder Missbrauch" ist nicht die verwendete Substanz entscheidend, sondern das Verhalten des Konsumenten. Das Konsummuster sagt weit mehr über Risiken und Abhängigkeitspotentiale aus, als die Frage "Hasch oder Pillen".
Die Ablehnung des anderen Konsumenten nimmt insbesondere in Hanfforen mitunter groteske Züge an. So musste ich im Rahmen meiner Promotion für die Hanfparade 2011 unter anderem lesen: Naaaaa, gehts auf der Hanfparade immernoch um alle möglichen Drogen? Falls "ja" werde ich mich dadran natürlich nicht beteiligen.
Allein die Thematisierung des Leids der nichtkiffenden Drogenkonsumenten führt in der Gedankenwelt der Hanffaschisten dazu, dass die Konsumenten der "richtigen Droge" (Cannabis) in ein schlechtes Licht gerückt werden. Man selbst ist scheinbar etwas Besseres.
Das fremde Rauschbedürfnis wird dann gerne auch sprachlich abgewertet: Als Ergebnis wird einmal mehr die Cannabisdiskussion ins Lager der Polytoxis gedrängt.
Wer die Auswirkungen des seit 1961 mit der Single Convention on Narcotic Drugs beinahe weltweit geltenden Verbots bestimmter psychoaktiver Stoffe, Pflanzen(teile) und Organismen vorurteilsfrei betrachtet, kommt meist zu dem Schluss, dass das Verbot seine Ziele (Reduzierung des Angebots und der Nachfrage nach illegalisierten Substanzen) verfehlt. Drogen sind heute nicht weniger verbreitet als bei Verabschiedung des UNO-"Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel".
Dabei werden weltweit jährlich Milliarden Euro in die Durchsetzung dieses Verbots gepumpt - (Para)Militärische Einheiten liefern sich Kriege mit Drogenkartellen; Sprühflugzeuge verwüsten, bei dem Versuch "Drogenpflanzen" zu vernichten, ganze Landstriche; Millionen sitzen wegen des überwiegend repressiv propagierten Substanzdogmas im Gefängnis.
Dem Wettrüsten zwischen Drogenjägern und Drogenverkäufern, bei dem das Wohl der Drogenkonsumenten längst keine Rolle spielt, fallen zunehmend auch unbeteiligte Nichtkonsumenten zum Opfer. Allein in diesem Jahr sind mehrere tausend vermeidbare Todesfälle unmittelbare Folge der verfehlten Drogenpolitik. Extremstes Beispiel dieser besorgniserregenden Entwicklung ist der offen tobende Drogenkrieg in Mexiko.
Wer im Supermarkt zu Wein oder Bier greift, kann sich darauf verlassen, dass sich die auf dem Etikett angegebene Menge Alkohol in dem Getränk befindet. Auch wer Zigaretten raucht, weiß um Inhaltsstoffe und Risiken seines Konsums.
Anders stellt sich die Lage für Konsumenten dar, die auf den Schwarzmarkt angewiesen sind. Jugendschutz, Qualitätskontrolle oder Wirkstoffinformation sind in der Illegalität Fremdwörter. Stattdessen gibt es Begleitkriminalität, soziale Ausgrenzung und gefährliche Streckmittel.
Die Jagd staatlicher Stellen auf Konsumenten behindert darüber hinaus zunehmend den Zugang zu Hilfsangeboten. Aus Angst vor der Polizei sterben (auch in Deutschland) Menschen an behandelbaren Überdosen oder Wechselwirkungen verschiedener Substanzen. Dazu kommen ungezählte Fälle, in denen Konsumenten den Gang in eine Beratungsstellen aus Angst vor juristischen Problemen und sozialer Ausgrenzung meiden, obwohl sie um ihr Suchtproblem wissen.
Angesichts dieser wachsenden Probleme, deren Ursprung nicht die Substanzen sondern die falsche Politik ist, setze ich mich für eine Suchtpolitik ein, die nicht die Droge sondern den Menschen in den Fokus rückt. Statt Drogenkonsum zu verteufeln und die an Rauscherlebnissen reiche Lebenswirklichkeit der meisten Menschen zu kriminalisieren, will ich die Risiken des Konsums minimieren, niedrigschwellige Hilfsangebote stärken und mich darauf konzentrieren Konsumenten die Informationen an die Hand zu geben, die sie drogenmündig macht.
Präventionsarbeit oder Rauschkunde, wie ich sie zur besseren Unterscheidbarkeit von der Variante "erhobener Zeigefinger" gerne nenne, darf nicht auf das Abstinenzdogma beschränkt sein. Ihr Ziel ist nicht die "drogenfreie Gesellschaft", sondern eine "Gesellschaft selbstbewusster Konsumenten". Rauscherziehung muss die Risiken des Konsums von Drogen natürlich thematisieren. Sie darf dabei erwünschte Effekte jedoch nicht verschweigen.
Das wichtigste Prinzip einer modernen Suchtpolitik und das oberste Ziel akzeptierender Präventionsarbeit ist in meinen Augen das Konzept "Punktnüchternheit". Das bedeutet: Wichtiger als "keine" Drogen zu nehmen, ist es, zum richtigen Zeitpunkt nüchtern zu sein!
Bei der Teilnahme am Straßenverkehr, während der Schwangerschaft, in Schule und Beruf, bei gefährliche Tätigkeiten (Pilot, Polizist, Baggerfahrer) und an gefährlichen Orten (Demonstrationen etc.) sollten aufgeklärte Konsumenten aus eigenem Antrieb auf Rausch verzichten.
Last but not least sei der Hinweis gestattet, dass sich Suchtpolitik auch für Nichtkonsumenten auszahlt. Immerhin verschlingt das bestehende System der Verfolgung des Umgangs mit Drogen Milliarden Euro Steuergelder, während die Gewinne des vom Verbot weitgehend ungebremsten Drogenhandels die Mafia finanzieren.
Legale Drogenmärkte könnten im Gegensatz dazu Milliarden Euro an Steuern und Sozialabgaben erwirtschaften. Präventionsarbeit und eventuelle Krankheitskosten würden dank einer akzeptierenden Politik so erstmals von den Konsumenten selbst finanziert.
Auch wenn mir der eine oder andere Hanfnazi jetzt böse sein mag, aber: Die Legalisierung von Cannabis ist ein wichtiger Schritt, aber sie ist nicht das Ende des Weges! Wer Hanf legalisiert, darf dann nicht stehen bleiben. Die allermeisten Argumente für die Legalisierung von Cannabis gelten analog auch für vermeintlich gefährlichere Substanzen. Kiffen dürfen reicht nicht!
mit Genuss- und Suchtmitteln kontrolliert und verantwortungsbewusstumgeht. Die "drogenfreie Gesellschaft" fordern selbst konservative Schweizer nur noch höchst selten.
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