Gedanken über Drogenpolitik, Cannabis und die Legalisierung
2 Kommentare vom 26.04.2010
In den Medien wird das Thema "Cannabispsychose" heftig diskutiert. Widersprüchliche Studien verführen zu vorschnellen Schlüssen und schaffen insbesondere unter den Angehörigen von Cannabiskonsumenten ein Klima irrationaler Angst. Wer sich sachlich informieren will, hat es im Meldungsdschungel schwer.
Grund genug sich die Zeit zu nehmen und einmal mit einem Betroffenen zu sprechen. Schliesslich kann nur der eigene Fehler vermeiden, der aus den Fehlern lernt, die andere gemacht haben.
Oliver, Schizophreniepatient und CannabiskonsumentSteffen: Hallo Oliver! Ich habe dich auf YouTube angesprochen, weil du dich in einem Video als Schizophreniepatienten "outest". Magst du den Lesern einen kurzen Einblick in deine Krankengeschichte gewähren?
Oliver: Ja vor etwa 10 Jahren brach bei mir die Schizophrenie aus. Ich studierte zu der Zeit Elektrotechnik an der FH-Aachen. Ich vermute stark, dass dieser Primärschub durch starken Stress verursacht wurde. Danach hatte ich noch ungefähr 10 Schübe aus verschiedenen Ursachen.
Wie äußert sich (d)eine Schizophrenie? Wie kann ich mir als "Gesunder" diese Krankheit vorstellen?
Oliver: Wahnvorstellungen, Paranoia und vieles andere. Ich habe mehrere Erlebnisberichte auf meiner Webseite veröffentlicht.
Aus deiner subjektiven Sicht, welchen Einfluss hatte Cannabiskonsum auf deine Erkrankung? War Cannabis Ursache, Brandbeschleuniger oder Nebensache?
Die Ursache meiner Schizophrenie ist eine genetische Disposition. Der Auslöser war stressbedingt - Diese Zusammenhänge werden auf meiner Website erklärt. Ich habe aber im Verlauf meiner Erkrankungen auch 2 Schübe durch massiven Cannabiskonsum erfahren (10 bis 20 Joints am Tag).
Konsumierst du heute Cannabis? Wenn ja, was sagen deine Ärzte dazu?
Meine Ärzte würden mir dringend abraten. Ich mache es aber trotzdem. Wobei ich sagen muss das ich nur in ganz geringen Mengen konsumiere.
Wissen deine Ärzte von deinem Konsum? Musst du Wechselwirkungen mit deinen regulären Medikamenten fürchten?
Naja das Problem sind weniger die Wechselwirkungen als die Wirkung des THC selbst. Wenn ich keinerlei Medikamente einnehmen würde, wäre Cannabis für mich im wahrsten Sinne des Wortes mit Vorsicht zu genießen. Aber bei geringen Mengen wirkt es auf mich anregend. Paradox eigentlich :)
Ich muss sagen, das ich in der Psychiatrie - und ich war oft da - viele Fälle von Cannabispsychosen gesehen habe, also Patienten, deren Primärschübe auf den Konsum von Cannabis zurückgehen.
Damit das vergleichsweise harmlose Rauschmittel eine solch gravierende "Nebenwirkung" zeigt, bedarf es einer genetischen Disposition, das heißt Unverträglichkeit.
Genetische Disposition klingt sehr unausweichlich... Gibt es eine Möglichkeit sich auf diesen Risikofaktor testen zu lassen? Wie kann man als Konsumwilliger das Psychoserisiko minimieren?
Also... Auskunft über die Existenz einer Psychosedisposition kann ein Gentest liefern.
Die überwiegende Mehrheit der Cannabiskonsumenten muss sich deswegen aber keine Sorgen machen. Die genetische Disposition zu einer Psychose betrifft nur rund 1 Prozent der Menschen und selbst wenn sie vorliegt heißt dies nicht zwangsläufig, dass man tatsächlich an einer Psychose erkrankt.
Im Prinzip gilt - Je häufiger Fälle von Schizophrenie oder anderer psychotischer Erkrankungen in der Familie vorkommen, desto höher das eigene Risiko an einer Psychose zu erkranken.
Selbst wenn die eigene Familie noch nie betroffen war, sollte man das Thema Psychose dennoch nicht vollständig ausblenden. Es gibt leider Konsumenten die reagieren sehr heftig auf Cannabis. Ich habe z.B. auch einen Fall von Bipolarität erlebt - Ein Patient, der nach dem Konsum von nur einem einzigen Joint in einen wahnhaften manischen Zustand geriet.
Ich empfehle, sich insbesondere bei den ersten Konsumerlebnissen genau zu beobachten. Wer nach dem Kiffen Paranoia, Verfolgungswahn oder ähnliches an sich feststellt, tut gut daran, seinen Konsum zumindest zu überdenken.
Um es mal hart zu formulieren: Ganz auf Cannabis zu verzichten, wird nicht allen Dispositionsbetroffenen gelingen. Was rätst du jenen die dennoch kiffen wollen?
Wenn ich weiß ich bin in der Risikogruppe, vorsichtig konsumieren, kein Wettkiffen oder heftiger Konsum.... aber hin und wieder ein Bong ist nicht so schlimm. Ich sag mal so - Einmal in der Woche ein Köpfchen mit sehr wenig Cannabis ist ok, wenn es nicht mehr wird.
Vielleicht ist dies, das wichtigste Warnzeichen - Wenn die konsumierte Cannabismenge plötzlich zunimmt, sollten man Aufhorchen. Sobald ungewöhnliche Wahrnehmungen auftreten, sofort in Behandlung und nicht erst warten, bis die Marsmenschen angreifen ;)
Wer kann mir helfen, wenn ich befürchte unter Schizophrenie zu erkranken?
Also meiner Meinung nach sofort in die Klinik - je eher man(n) geht, desto weniger schlimm ist die Behandlung. Und ganz wichtig ehrlich sein was den Konsum angeht (Die machen sowieso einen Drogentest).
Universitätskliniken sind reinen Psychiatrien vorzuziehen.
Und ganz wichtig nach der Entlassung aus der Klinik bzw. nach abklingen der Symptome: Informieren! Das ist ganz wichtig. Lesen, lesen, lesen.
Was man selbst über seine Erkrankung weiß, dass kann einem nur nutzen.
Vielen Dank für das Gespräch und gute Besserung!
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