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Steffen Geyer UsualRedAnt Steffen Geyer - UsualRedAnt

Gedanken über Drogenpolitik, Cannabis und die Legalisierung

Weisheit des Tages
The only thing that can save the world is the reclaiming of the awareness of the world. That's what poetry does. (Allen Ginsberg)
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Die 10 Gebote hedonistischer Drogenpolitik

12 Kommentare vom 29.06.2010

Vom 10.-13. Juni fand im beschaulichen Kaulitz der erste Weltkongress der Hedonistischen Internationale statt. Ziel dieser (Un)Konferenz war es, hedonistische Einzelkämpfer und Gruppen zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen und neue Perspektiven des Protests zu eröffnen.

Die Zehn Gebote - Szene aus dem gleichnamigen Film Steffen Geyer auf dem Hedonistischen Weltkongress (dramatisierte Darstellung)

Im Rahmen des Weltkongresses fanden zahlreiche Vorträge und Workshops über Protest, Party und Action statt. Auch ich durfte mich beteiligen.

Ich entschied mich für einen Vortrag mit dem Thema: "Keine Befreiung ohne Berauschung - Hedonistische Drogenpolitik für Revolutionäre"

Ausgehend von ein paar grundlegenden Begriffsdefinitionen, hatte ich mir das Ziel gesetzt, mit meinem Vortrag eine Diskussion über hedonistische Alternativen zum "Krieg gegen Drogen" anzustoßen.

Um ausreichend Reibungsfläche zu bieten, formulierte ich meine Ideen in Anlehnung an die wohl einflussreichste Gesetzessammlung unseres Kulturkreises in Form von zehn "Geboten". Anders als das jüdisch-christliche Vorbild sind meine Gebote jedoch auch offiziell menschlichen Ursprungs und fordern nicht blinden Gehorsam, sondern Kritik und gemeinschaftliche Überarbeitung.

I. Alle Berauschten sind ungleich

Es heißt, man könne nicht zweimal im selben Fluss baden. Gleiches gilt auch für die Welt von Rausch und Ekstase. Die Kombination aus Drug, Set und Setting ist immer subjektiv und nicht reproduzierbar.

Wer Drogenpolitik menschenfreundlich gestalten will, darf daher nicht über die Ekstasebedürfnisse anderer urteilen.

II. Du sollst den Rausch ehren

Rausch und Ekstase sind Wörter für einen substanz- bzw. verhaltensverursachten Zustand veränderter Wahrnehmung und Befindlichkeit. Sie "leben" von ihrer Besonderheit, von der Verschiedenheit vom Alltag.

Hedonistische Drogenpolitik muss dem Rechnung tragen und darauf abzielen, dass Rauschzustände ihren Ereigniswert nicht durch allzu sorglose Integration in den normalen Tagesablauf verlieren. Wer will schon jeden Tag Kaviar essen?

III. Du sollst niemandem zum Rausch zwingen

Niemandem dürfen gegen seinen/ihren Willen berauschende Substanzen zugeführt werden. Ein Eingriff in die Körperchemie kann ebenso gravierende Folgen haben, wie äußere Verletzungen der körperlichen Selbstbestimmung.

Hedonisten achten die Rechte des Gegenüber und schützen einander vor unbewusster Berauschung. Sie sind sich der Dynamik gemeinschaftlichen Konsums bewusst und akzeptieren ein "Nein".

IV. Du sollst die Rauschzustände anderer nicht missbrauchen

Die Wahrnehmungsveränderung durch den Konsum von Drogen führt mitunter zu einer Veränderung der Urteilsfähigkeit. Einige Konsumenten suchen den Kontrollverlust nach hohen Dosen bestimmter Substanzen sogar. Niemand hat das Recht solche "schwachen Momente" zum Schaden des Berauschten auszunutzen.

Die Bandbreite der "Verletzungen der Würde des Berauschten" ist erstaunlich breit. Sie beginnt mit dem ungefragten Veröffentlichung vermeintlich lustiger Fotos betrunkener Freunde und reicht bis zu Vergewaltigungen und gewalttätigen Übergriffen auf hilflose Personen (Alkohol, GHB).

Hedonisten lehnen den Missbrauch berauschter Personen ab, achten aufeinander und Helfen den Opfern substanzistischer und sexueller Gewalt.

V. Du sollst nicht Rauschen, wenn dies andere gefährdet

Nicht jeder Zeitpunkt und Ort ist geeignet ihm berauscht zu begegnen. Im Gegenteil ist es für ein harmonisches Miteinander unerlässlich, zu wissen, wann und wo man nüchtern sein sollte.

Während der Schwangerschaft, im Straßenverkehr, beim Umgang mit Waffen und gefährlichen Maschinen ist Nüchternheit ebenso selbstverständlich wie wichtig. Auch dem Berufsleben und der Schule sollte man in aller Regel unberauscht ins Auge blicken.

Hedonistische Drogenpolitik folgt dem Konzept "Punktnüchternheit verhindert Drittschädigung". Sie klärt über ungeeignete Konsumanlässe auf und achtet die Schutzbedürfnisse Dritter.

VI. Du sollst niemanden daran hindern, sich zu berauschen

Zwangsweise "rauschbefreite" Räume (z.B. rauchfreie Bahnhöfe), die über den Rahmen notwendiger Punktnüchternheit hinausgehen, sind nicht geeignet, die Risiken des Konsums von Drogen zu verringern. Sie schränken die Freiheit der Rauschwilligen unzulässig ein.

Die Erfahrung lehrt, dass sich Maßnahmen zur Überwachung von Berauschungsverbotszonen vielfach gegen die nüchterne Mehrheit richten. Um sie von den "bösen" Konsumenten zu unterscheiden, werden die bürgerlichen Freiheiten aller Menschen beschnitten.

Hedonisten regeln das menschliche Miteinander nicht durch Verbote, sondern durch Kommunikation. Rauschfreie Räume akzeptieren sie nur dann, wenn sie das Miteinander fördern.

VII. Du sollst nichts nehmen, das du nicht kennst

Das Wissen um Wirkung, Nebenwirkung und Wechselwirkungen berauschender Substanzen (Stoffkunde), ihre richtige Dosierung und Applikation (Safer Use) sowie Maßnahmen bei Überdosierung und unerwünschten Effekten (Drogennothilfe) sind Grundvoraussetzung für selbstbestimmten und selbstbewussten Umgang mit Drogen. Ehrliche Präventionsarbeit muss auch erwünschte Wirkungen und Wirkmechanismen beinhalten.

Die Aufklärung über Drogen sollte analog zur Sexualaufklärung bereits im Kindesalter beginnen. Oder würdest Du mit dem Gespräch über "Blumen und Bienen" warten, bis dein Kind den ersten Porno auf dem Handy hat?

Hedonistische Drogenpolitik ist primär Aufklärungsarbeit. Ihr Ziel ist jedoch nicht das Nüchternheitsdogma der Prohibitionisten sondern der mündige Konsument.

VIII. Du sollst keine Drogen verbieten

"Guns don´t kill people, people do" - So umstritten der Werbespruch der US-amerikanischen Waffenlobby ist, so richtig ist er im Bereich Drogenpolitik.
Nicht die Substanz entscheidet über Wohl und Wehe des Konsumenten, es ist das Konsummuster, die Art mit dem Stoff umzugehen, die aus euphorisierendem Freizeitvergnügen, Abhängigkeit und Suchterkrankungen wachsen lässt.

Aus der Erkenntnis, dass es keine guten und bösen Drogen sondern nur mehr oder weniger riskante Konsummuster gibt, folgt der logische Schluss - Jede Unterteilung in legale (gesellschaftlich tolerierte) und illegalisierte (gesellschaftlich sanktionierte) Substanzen basiert auf persönlichen Moralvorstellungen und ist falsch.

Hedonisten lehnen eine Unterscheidung zwischen tolerierten und sanktionierten Drogen ab. Sie akzeptieren selbstbestimmten Drogenkonsum unabhängig von der Substanz und bieten Hilfe zur Verhinderung oder Überwindung risikoreicher Konsummuster.

IX. Du sollst keine Lügen über Drogen verbreiten

Keine Lügen über Drogen - Kampagne des Rumpelstilzchen Headshops in Würzburg Keine Lügen über Drogen - Kampagne des Rumpelstilzchen Headshops in Würzburg

Die Verbreitung bewusster Falschinformationen über Drogen, Prohibitionspropaganda über die Folgen extremer Rauscherfahrungen und die Theorie von der durch "Einstiegsdrogen" vorgezeichneten Suchtkarriere haben dazu geführt, dass Präventionsbemühungen oft pauschal als unehrlich abqualifiziert werden.

Nötige Warnungen und Hinweise auf echte Gefahren durch den Konsum berauschender Substanzen werden dadurch insbesondere von jungen Menschen nicht ernst genommen.

Falsche Informationen über die vermeintliche "Sicherheit" des Konsums und "harmlose" Drogen setzen Probierkonsumenten jedoch ebenso unnötigen Risiken aus. Beispielsweise ist Alkohol weit giftiger, als dies gemeinhin angenommen wird, was das Risiko tödlicher Vergiftungen erhöht.

Hedonistische Präventionsarbeit muss die realen Risiken des Umgangs mit psychoaktiven Substanzen widerspiegeln. Sie darf Drogen weder verteufeln, noch zu ihrer Nutzung verleiten.

X. Es gibt keine Befreiung ohne Berauschung

Drogenpolitik ist mehr als die gesellschaftliche Diskussion über akzeptiertes und sanktioniertes Rauschverhalten und die verwendeten Substanzen. Sie ist Beispielhaft für die Frage, ob eine Gesellschaft Freiheiten eingrenzt (legale Möglichkeiten definiert) oder sich bemüht, Schäden zu minimieren, ohne Entfaltungsmöglichkeiten unnötig zu beschneiden.

Hedonistische Drogenpolitik kämpft für die Ekstasebefreiung, weil die Freiheit über den eigenen Körper - die Freiheit sich (ohne Beeinträchtigung Dritter) zu berauschen - Grundlage der Freiheit der Gesellschaft ist. Das Miteinander ist stets nur so frei wie der Einzelne.

Freiheit ist die Freiheit des anderen Konsumenten!

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Aktuelle Lesermeinungen

15.01.2012 um 20:38 Uhr | Kommentar von Steffanie
IX. Du sollst keine Lügen über Drogen verbreiten

Deine Website ist ein einziger Bruch dieser Regel
15.01.2012 um 20:38 Uhr | Kommentar von Steffanie
Gebs auf man
23.12.2011 um 15:15 Uhr | Kommentar von Michael
Ich soll meine Angst auf andere oder anderes projezieren.

Möge ich mir meiner Angst immer soweit bewußt sein, dass ich sie bei mir behalten kann.
18.10.2011 um 12:49 Uhr | Kommentar von kiki
Ich bin seit 30 Jahren süchtig abhängig und weiß das ich nicht selbsbestimmt konsumieren kann! Aus Erfahrung! So geht es süchtigen Abhängigen. Insofern müsstest du differenzieren zwischen Menschen die damit umgehen und den die es nicht können. Ich würde auch gerne konsumieren- geht aber nicht für jedermann. Insofern wird eine Legalisierung auch immer Opfer fordern, die von dir billigend in Kauf genommen werden. Insbesondere jüngere Menschen sind von diesen Dingen betroffen (11-18 Jahre)
18.09.2011 um 15:36 Uhr | Kommentar von polovna vozila
Aus der Erkenntnis, dass es keine guten und bösen Drogen sondern nur mehr oder weniger riskante Konsummuster gibt, folgt der logische Schluss - Jede Unterteilung in legale (gesellschaftlich tolerierte) und illegalisierte (gesellschaftlich sanktionierte) Substanzen basiert auf persönlichen Moralvorstellungen und ist falsch.
31.05.2011 um 23:40 Uhr | Kommentar von banana
Größtenteils stimme ich mit deinen Aussagen überein,was ich allerdings generell bedenklich finde,ist die Legalisierung aller Drogen.
Manche Substanzen sind meiner Meinung nach eher Gift als Drogen und ich finde nicht,das jedermann mit Stoffen herumspielen sollte,mit denen er sich und andere leicht umbringen könnte.
30.06.2010 um 18:30 Uhr | Kommentar von christoph
Ich stimme den zehn Geboten die du formuliert hast in jeder Hinsicht zu, würde aber die Gebote VIII. und X. etwas anders formulieren.

VIII. klingt so als ob alle Rauschmittel gleich (un)gefährlich wären. Dabei ist natürlich - wenn man die Spanne der verschiedenen Konsummuster betrachtet - Heroin insgesamt eine gefährlichere Droge als etwa Ecstasy (alleine schon wenn man die Wahrscheinlichkeit betrachtet, ungewollt ein gefährliches Konsummuster zu entwickeln). Der Punkt ist aber doch vielmehr, dass Verbote die mit dem Konsum einer Droge verbunden Risiken nur noch potenzieren, aber andererseits niemanden vom Konsum gefährlicher Drogen oder der Entwicklung gefährlicher Konsummuster abhalten. Deshalb tut es - meines Erachtens - schon Not, verschiedene Drogen verschieden zu behandeln. Aber eben nicht, wie du sehr schön schreibst, in gut und böse, legal und illegal einteilen sondern die Menschen vor den spezifischen Risiken warnen und ihnen letztlich auch die Entscheidung für eine gefährliche Droge und/oder für gefährliche Konsummuster erlauben.

Zu X.: Dem Text stimme ich vollkommen zu, die Überschrift finde ich aber nicht so glücklich formuliert. Zunächst finde ich das Wort Befreiung nicht so gut gewählt - ein neutraleres "Freiheit" täte es vielleicht auch. Zum zweiten impliziert die Formulierung "keine Befreiung ohne Berauschung", man könne ohne Rausch nicht frei sein. Dem würde ich aber entschieden widersprechen: natürlich kann man auch ohne Rausch frei sein, solange man tatsächlich *die Wahl hat* - für oder gegen den Rausch und für oder gegen eine bestimmte Art von Rausch. Ich würde deswegen eher sagen: "Keine Freiheit ohne Freiheit zum Rausch" oder "Keine Freiheit ohne Recht auf Rausch".

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