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Steffen Geyer über Cannabis, Drogenpolitik und die Legalisierung

Mit Zwang zum Flausch?

Wir bestreiten unseren Lebensunterhalt mit dem, was wir bekommen, und wir leben von dem, was wir geben. (Winston Churchill, britischer Politiker)

Liebe Flauschisten!

Ja, mitunter könnte man derzeit den Eindruck gewinnen, es gäbe vergleichsweise viel konfliktige Kommunikation innerhalb der Szene. Objektiv betrachtet ist dem aber nicht so.

Auch die “brodelnden” Konflikte sind nicht wirklich neu: irgendwer fühlt sich oder seine/ihre Arbeit nicht ausreichend gewürdigt; andere wissen aus der sicheren Perspektive des heimischen Sofas alles besser als jene “auf der Straße”; die ohne Geld gönnen denen mit Geld nix; die außerhalb etablierter Strukturen werfen denen in Organisationen vor, nur den Erhalt der Struktur im Kopf zu haben; hier und dort wird nicht die richtige Musik gespielt oder die falschen Leute “dürfen” ans Mikrophon; welchen Anteil sollten andere Substanzen in der Legalisierungsarbeit haben; wer repräsentiert wen (oder halt nicht); und überhaupt hat X schon immer gesagt, das Y doof ist… All diese Fronten gab es schon, als ich vor 13 Jahren in die Legalisierungsszene gerutscht bin.

Die derzeitige gefühlte Zunahme von Dissonanzen liegt meiner Meinung nach darin begründet, dass wir viel mehr Menschen erleben, die sich am öffentlichen Meinungsaustausch über die (deutsche) Drogenpoltik beteiligen. Sie tun dies weniger ängstlich, überwiegend fundiert und stets aus ihrer ganz persönlichen Perspektive - Und die unterscheiden sich nunmal.
Entscheidend ist nicht, dass immer alles so klappt, wie es mal von irgendwem ausgedacht wurde. Entscheidend ist erst Recht nicht, dass wir immer alle der gleichen Meinung sind! Wichtig ist meiner Meinung nach ausschliesslich, dass wir erkennen, dass “die Szene” mehr als genug Raum, Geld, Arbeitskraft usw. für viele unterschiedliche Wege nach Rom bereit hält.

Wer bei jedem Konflikt gleich den Untergang des Abendlandes beschwört, vergibt eine große Chance - Die der Szene als Ganzes am Streit der persönlichen Meinungen zu wachsen. Ohne interne Kritik, ohne sich aneinander Reiben, kurz ohne Konflikte funktioniert demokratische Meinungsbildung nunmal nicht. Wer alles Konfliktige im Namen des “nach Außen mit einer Stimme sprechen” unter den Szeneteppich kehren will, sollte sich darüber im klaren sein, dass dieser Versuch stetig mehr Energie kostet, die zwangsläufig an anderer Stelle fehlt.

Ja, Flausch ist toll. Zwangsflausch ist dies aber nicht - Er macht träge, denkfaul, beschleunigt Resignation und innere Kündigung. Laßt uns kratzig, bunt und vielstimmig bleiben, auch wenn dies mal mehr Kraft kosten mag - am Ende profitieren wir alle vom Mehr an Kreativität.

In diesem Sinne… fleissig weiter “streiten”!
Steffen Geyer

P.S.: Wenn wir “Alten” wüßten wie man erfolgreich legalisiert, wäre Cannabis bereits legalisiert. Das dem nicht so ist, zeigt, dass Raum für “Experimente” bleiben muss. Das heißt aber nicht, dass alles was “Altlegalisierer” tun, falsch ist - Viele Experimente sind heute nur deshalb möglich, weil 2-3 handvoll Menschen sich Jahre und Jahrzehnte bemühten, den Experimenten der “Neulegalisierer” Freiräume zu erstreiten.