UsualRedAnt

Steffen Geyer über Cannabis, Drogenpolitik und die Legalisierung

5 Gründe, warum kein Hänfling Millionär wird

Es gibt viele gute Gründe, nicht in die Politik gehen zu wollen. Geld ist darunter nicht unbedingt der Wichtigste. (Frank Rieger)

In den kommenden Monaten veranstaltet ProSieben eine “Millionärswahl“. Versprochen wird, dass einer der “Kandidaten” “demokratisch reich werden” kann. Nebenbei winken “crossmediale” Aufmerksamkeit und das zweifelhafte Vergnügen dem Privatfernsehen billig produzierte Werbeeinnahmen zu zu spielen.

Auch in der deutschen Legalisierungsszene weckte “die Million” Begehrlichkeiten und vielfach scheint dabei die Gier den Verstand zu überstimmen. Der seit einer guten Woche gelegentlich aufflammenden Millionärseuphorie möchte ich im Folgenden eine nüchterne Aufwand-Ergebnis-Kalkulation entgegen halten.

1. Rechtliche Fallstricke und ihre Folgen

Die Teilnahme an einem “Gewinnspiel”, um nichts anderes handelt es sich strenggenommen bei der Millionärs”wahl”, ist an die Einhaltung der Gewinnspielregeln gebunden. Lange bevor das erste Kandidatengesicht im TV auftaucht, werden daumendicke Verträge zu unterzeichnen sein. Doch schon jetzt muss jede/r Kaniddat/in den Nutzungsbedingungen zustimmen.

Dabei wird u.a. zugesichert, nur solche Inhalte zum KandidatInnenprofil hinzu zu fügen, an denen man selbst die Rechte hat. Die an sich einfach zu befolgende Regel soll den Veranstalter vor Schadensersatzansprüchen Dritter sichern und dient der späteren Verwertung der Profilinhalte durch ProSieben und andere an der Millionärswahl beteiligte Firmen.
Die Realität sieht freilich anders aus und so “glänzt” selbst der Deutsche Hanf Verband (DHV) bzw. dessen Eigentümer Georg Wurth auf dem zugehörigen Kandidatenprofil mit einer eklatanten Rechteverletzung.
Dort findet der aufmerksame Beobachter nämlich ein Video, dass die vermeintlich “professionelle” Interessenvertretung der deutschen Hanfszene von der Webseite des Bundestages “ausgeborgt” hat. Dumm nur, dass alle Inhalte der Parlamentswebseite einem Copyright unterliegen.

Mag eine solche Urheberrechtsverletzung für den alltäglichen Lobbyfirmenbetrieb noch zu verschmerzen sein, so wirft die Weiterverbreitung doch die Frage auf, ob der DHV-Mitarbeiter, der das Millionärsprofil betreut, die juristischen Folgen seiner Tat zumindest ansatzweise überblickt.
Nicht umsonst haben Fragen zu Urheberrechtsverletzungen einen erheblichen Anteil an den F.A.Q. und den Nutzungsbedingungen zur Show. Neben den für solche Rechtsverstöße üblichen Folgen (Schadensersatz, Haft etc.) droht der DHV-Kandidatur so das vorzeitige Aus (oder schlimmer noch die Aberkennung möglicher Preisgelder).

2. Unkalkulierbare Aufgabe von Persönlichkeitsrechten

Wenn schon bei der Betreuung des Kandidatenprofils sichtbar nicht über den Tellerrand hinaus geblickt wird, stellt sich mir die Frage, inwieweit dies für andere schwerwiegende Einverständnisse und Spielregeln der Millionärsshow gilt.
Da ist z.B. der “crossmediale” Kampf der KandidatInnen untereinander. Naiv, wer glaubt, dass die KandidatInnen bestimmen, wo und wie er geführt werden wird. Spätestens mit dem Erreichen der “Stufe 3” und der Reduzierung des Feldes auf 490 MitspielerInnen wird eine gnadenlose und schamfreie Hatz auf das Privatleben chancenreicherer KandidatInnen beginnen.

Ich bin kein Psychologe und doch wage ich zu behaupten, dass keine/r der hanfafinen TeilnehmerInnen der Millionärswahl ähnliches bisher auch nur Ansatzweise erlebte und erdulden musste. Insbesondere die Verknüpfung ungesteuerter medialer Aufmerksamkeit mit einem größtenteils illegalisierten Lebensbestandteil scheint mir gelinde gesagt “mutig”.
Alle KandidatInnen sollten sich meiner Meinung nach fragen - Bin ich bereit, meine Kinder / Lebenspartner / Arbeitskollegen usw. für die Chance auf (m)eine Million zum Opfer der Bild zu machen?

3. Apropos Chancen oder Wer nicht gewinnen kann, sollte nicht in den Krieg ziehen

Bei Diskussionen über die Teilnahme an der Milionärswahl wird gern auf die Erfolge bei internetbasierten Abstimmungen verwiesen. Selbst der sonst mit kritischem Abstand gesegnete Grooveman träumt sich Kanzlerinnenbefragungswiederholungswelten und weiß es doch besser.
Die meisten Menschen ignorieren dieses Thema so gut sie können schreibt der ab kommendem Jahr für den DHV (bezahlt) tätige Grooveman und will die logisch folgenden Gedanken dennoch nicht machen.

Die Macher der Millionärswahl wissen, was zieht und beschreiben ihre Zielgruppe mit den Worten: Egal ob Stuntmen oder Akrobaten, Extrem-Sportler oder Hobby-Fußballer, Filmemacher, Sänger, Tänzer, Künstler, oder solche, die sich dafür halten: Eindrucksvolle Persönlichkeiten mit besonderen Talenten können auf www.millionärswahl.de zum ersten demokratisch gewählten Millionär werden. Die Politik findet sich aus guten Gründen nicht in der umfänglichen Aufzählung. Schließlich steht hier Unterhaltung und deren Vermarktung im Vordergrund.

Es ist illusorisch zu hoffen, dass sich ein politisch tätiger Geschäftsmann oder ein moralisierender Cannabispatient gegen fußballspielende Kleinkinder, vollbusige Sängerinnen oder vermeintlich magische Jungmänner durchzusetzen vermag. Selbst wenn es eine/r der “HanfkandidatInnen” in eine der TV-Shows schaffen sollte, wäre nach dem ersten Telefonvoting Schluß.
Doch auch der Erfolg in den Webabstimmungsrunden ist längst nicht sicher und nicht ohne Fallen.

4. Meine Daten kriegt ihr nicht

“Abstimmungen im Netz? Gewinnen wir!” ist die unisone Überzeugung die vielen Szene-Kandidaturen zu Grunde liegt. Dabei wird übersehen, dass die Millionärswahl keine offene Klickviehsammlung ist. Wer mitstimmen will, muss sich (während der ersten Phase) mit eigener Kandidatur beteiligen und die ist nicht umsonst zu haben.
Das Perfide: Die Veranstalter lassen die KandidatInnen nicht direkt mit Euro löhnen. Vielmehr werden Daten der GlücksspielteilnehmerInnen gesammelt. Am liebsten haben es die Macher, wenn man ihnen Zugang zum eigenen Facebook oder Google+-Zugang einräumt und so der Millionärswahl per Mund-zu-Mund-Propaganda zu noch größerer Bekanntheit (und entsprechend steigenden Werbeeinnahmen) verhilft.

Damit nicht genug. Die Kandidaten müssen sich zusätzlich per Handynummer “legitimieren” und ihre Personendaten weiter aufwerten. Und auf die hat nicht nur die Millionärswahl Plattformgesellschaft mbH (MWPG) Zugriff.

Mit Registrierung als Teilnehmer an der Millionärswahl erklären Sie sich ausdrücklich damit einverstanden, dass MWPG die dazu erforderlichen Daten für die Durchführung der Millionärswahl speichert und nutzt. Soweit zur Durchführung der Millionärswahl erforderlich, ist MWPG dazu berechtigt, Ihre Daten an mit MWPG verbundene Unternehmen und Kooperationspartner weiterzugeben.

Wer bei seiner Kandidatur die Hanfkarte ausspielen will, muss hunderte oder tausende Menschen dazu motivieren, die eigenen Personendaten an “ProSieben, VW und den Axel Springer Verlag” zu verschenken. Und die frisch entblößten MitkandidatInnen müssen sich im Anschluss als Hanffreundefreunde outen… Angesichts der allzuoft mit Enttarnungsrisiken begründeten geringen TeilnehmerInnenzahl bei Demonstrationen, habe ich so meine Zweifel, ob die Millionärswahl-Mobilisierungsrechnung aufgehen wird.

5. Last but not least - Don’t ride the spam horse

Selbst wenn eine hanfpolitikbasierte Kandidatur von allen vorgenannten Hindernissen befreit möglich wäre, hätte die deutsche Legalisierungsszene keine Chance, weil die Macher ihr das wertvollste Werkzeug bereits aus der Hand geschlagen haben.
Der Spielregel Es ist Ihnen untersagt, andere Nutzer - insbesondere durch SPAM-mails, progressive Werbung oder Kettenbriefe - zu belästigen stehen die Beteiligten bisher mit einem Schulterzucken gegenüber. Dabei sind Kettenbriefe, Spam und ähnliche Formen der internetbasierten dezentralen Werbung bei allen “Kampagnenerfolgen” der letzten zwei Jahre von wesentlicher Bedeutung gewesen.
Ohne täglichen bzw. stündlichen Facebookspam kein Kanzlerinnendialog; ohne die selbst von inhaltlichen Freunden bisweilen als Belästigung empfundene penetrante Wiederholung der “Klick mich”-Befehle kein “Cannabis bei Absolute Mehrheit” u.s.w. u.s.f.

Dumm, dass ausgerechnet dergleichen nun verboten ist. Noch dümmer, wenn man dies weiß und dennoch zum Klickbetrug aufruft.

Wenn ihr besonders viel machen wollt, denkt mal über diesen Satz nach:
Ihr braucht für einen Account jeweils eine Email Adresse und jeweils eine Handynummer!

–tl:dr–

Die undurchdachte Teilnahme einer handvoll Millionenphantasten sorgt bereits jetzt für erhebliche Unruhe in der Szene. Ich will gar nicht wissen, was los ist, wenn die investierte Arbeit unbelohnt bleibt. Oder noch schlimmer, am Ende jemand feststellt, dass eine Million haben doch was anderes ist, als drüber zu reden, sie für “die gute Sache” einzusetzen.