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Steffen Geyer über Cannabis, Drogenpolitik und die Legalisierung

Meine Helden der Legalisierung

Portrait des US-amerikanischen Hanfaktivisten Jack Herer Der Vater der US-Legalize-Bewegung Jack Herer (1939 - 2010)

Es heißt: “Ein Zwerg auf den Schultern des Riesen, sieht weiter als dieser.” Auch ich stehe mit meiner Arbeit lediglich auf “den Schultern” 40-jährigen unermüdlichen Kampfes um die Legalisierung von Cannabis - Ohne Jack Herer, Hans-Georg Behr, Matthias Bröckers, Dana Beal und Marc Emery würden wir manche Drogendiskussion nicht führen. Leider scheint es so, als seinen die “Väter der Legalisierungsbewegung” längst nicht allen ein Begriff.

Schaue dir die genannten Namen nochmal an. Ich kenne nur eine der Person und das auch nur vom Namen her. Die meisten Kiffer interessiert das Kiffen, eventuell noch die Biologie der Pflanze oder ihre Zucht. Mr. Nice, “den Mega-Dealer”, kennen mit Sicherheit mehr Menschen, als die “unermüdlichen Kämpfer” aus deiner Liste.

Wen dem wirklich so wäre, fände ich das schade. Deshalb für alle, die bei der Aufzählung meiner “Riesen” nur “Hä?” gedacht haben, ein kurzer Ausflug in die Welt des Legalize-Peronenkultes.

Natürlich ist die folgende Liste nur ein Ausschnitt aus der Reihe der Menschen, die mich und meine Vorstellungen von politischem Engagement zugunsten der Legalisierung beeinflusst haben. Es fehlen z.B. Wolfgang Neuss, Robert Anton Wilson oder Dieter Hildebrandt. Heute soll es aber primär um die “Drogenpolitiker” gehen, die ihr eigentlich auch kennen solltet.

Jack Herer (1939 - 2010)

Jack Herer gilt als geistiger Vater der aktuellen US-Legalisierungsszene. Bekannt wurde er durch sein zum Standardwerk avanciertes Buch “The Emperor wears no Clothes“, in dem er die Geschichte der Pflanze Hanf als Nutz-, Medizinal- und Rauschpflanze umfangreich darlegt. Er beschrieb darin außerdem wie es zum Verbot (Marijuana Tax Act 1937 etc.) kam und wer nach seinen Recherchen damals davon profitierte.

Mit dieser bis zu seinem Tod ständig aktualisierten “Hanf-Bibel” hat Jack Herer der damals jungen US-Legalizeszene einen Sammelpunkt geschaffen und damit die Gründung von Organisationen wie NORML ermöglicht.

Jack beschränkte sich mit seiner Arbeit jedoch nicht nur auf Nordamerika. Er unterstütze jeden Versuch sein Hanfbuch in andere Sprachen zu übersetzen und bereiste als Missionar in Sachen Cannabis die ganze Welt. Mit dem niederländischen Hanfpionier Ben Dronckers und dem deutschen Mathias Bröckers verband ihn eine besondere Freundschaft.

Auch nach seinem Tod, ist Jack Herer in der Szene präsent. So fehlt die Sorte “Jack Herer” in kaum einem Hanfsamenkatalog und in den USA wird ein jährlicher Legalisierungs/Cannabiskultur-Preis verliehen, der seinen Namen trägt. An der dokumentarfilmerischen Version seines Buches unter dem Titel “Hemp can save the Planet” wird seit 2009 gearbeitet.

Hans-Georg Behr (1937 - 2010)

Portrait des österreichischen Schriftstellers Hans Georg Behr Der Schriftsteller und Hanfpionier Hans-Georg Behr (1937 - 2010)

Der Österreicher Hans-Georg Behr hat mit “Von Hanf ist die Rede” ein deutschsprachiges Buch geschrieben, dass einen ähnlichen Inhalt wie “The Emperor wears no Clothes” hat, sich allerdings im Stil grundsätzlich unterscheidet. Als “echter Schriftsteller” erzählt Behr die (Verbots-)Geschichte der Pflanze Hanf in einer für mich sehr angenehm zu lesenden Kombination aus Fakten und Anekdoten. Wo Herer zu US-zentrisch ist oder argumentative Unschärfen hat, steuert Behr die europäische Denke und andere mitunter greifbarere Gedankenwege bei - und umgekehrt.

Hans-Georg Behr und Jack Herer bzw. der deutsche Übersetzer des Herer-Buches Matthias Bröckers stritten lange Jahre intensiv und bisweilen öffentlich verletzend darüber, wer von wem abgeschrieben habe. Mir als “Nachgeborenen” war der Konflikt immer relativ Wurscht.

Hans-Georg Behr hat (er lebte lange in Hamburg) eine Vielzahl deutscher Cannabisprojekte unterstützt. Insbesondere das Hanf Museum Berlin lag ihm am Herzen. Noch heute werden dort Stolz Teile der Behrschen Purpfeifensammlung präsentiert. Mit der Hanfparade (insbesondere einzelnen Personen aus der Frühzeit der Berliner Demonstration) stand Behr leider “auf Kriegsfuß”, weil er der Veranstaltung nur wenig Chancen gab, die für ihn von Wirtschaftsinteressen und bürokratischer Unbeweglichkeit geprägte Bonn-Berliner-Politikmaschine zu substanziellen Änderungen der Prohibitionslogik zu bewegen.

Matthias Bröckers (geb. 1954)

Portrait des Journalisten Matthias Bröckers Der deutsche Journalist und Autor Matthias Bröckers

Der in Berlin lebende Matthias Bröckers hat das Jack Herer Buch “The Emperor wears no Clothes” ins deutsche übersetzt und um einen beinahe ebenso umfangreichen Teil über deutsche Besonderheiten und Zustände ergänzt. Das so entstandene “Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf” vielen auch als “das gelbe Hanfbuch” bekannt, sollte in keinem Bücherregal fehlen.

Trotz der Popularität des US-Originals war “Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf” in den ersten Monaten Kassengift. Erst die Diskussion über die von der EU erzwungene “Genehmigungsfähigkeit des Anbaus THC-armer Hanfsorten” (1994) und ein Spiegelartikel über die junge deutsche Hanfszene und die u.a. von Bröckers 1993 gegründete “HanfHaus GmbH”, ließen die Verkaufszahlen explodieren.

Nach den Anschlägen des 11. September zog sich Bröckers aus der Hanf-/Drogenszene weitgehend zurück und beschäftigte sich in den Folgejahren intensiv mit Verschwörungstheorien etc. pp. Er meldete sich im vergangenen Jahr jedoch mit dem Buch “Die Drogenlüge” eindrucksvoll zurück.

Dana Beal (geb. 1947)

Dana Beal auf dem New York City Marijuana March 1994 Hanfaktivist Dana Beal auf dem New York City Marijuana March 1994

Der US-Amerikaner Dana Beal machte schon Drogenpolitik als meine Eltern noch Kinder waren und er hat seine Agenda Do what you can get away with. And have fun while trying! bis ins inzwischen hohe Alter von 64 Jahren beibehalten. Mit Freunden organisierte er schon 1965 SmokeIns auf denen neben Joints auch Infoblätter über Marijuana und LSD verteilt, sowie die Relegalisierung von Cannabis (LSD war noch nicht verboten) gefordert wurde.

Heute steht Dana Beal für die meisten Aktivisten eher für den Global Marijuana March (GMM), den er seit 1999 von New York aus zum ersten weltweiten Legalisierungsevent ausbaute. Heute nehmen daran mehr als 300 Städte in vier Kontinenten teil.

Beal war stets bereit an (und zur Not auch über) die Grenzen des Legalen zu gehen. Im Laufe der Zeit wurde er dutzende Male wegen Verstoß gegen Drogengesetze oder Anstiftung zum öffentlichen Aufruhr etc. verhaftet. Kritiker werfen Beal vor, dass er mitunter trotz besseren Wissens an seiner “ich mach das einfach”-Haltung festhält. Dennoch oder gerade deshalb gelang es seinen Unterstützern in der Vergangenheit oft, ihn mit Spendensammlungen, Kautionszahlungen u.Ä. vor Haftstrafen zu bewahren.

Aktuell sitzt Dana Beal in Wisconsin im Gefängnis, weil bei einer Kontrolle am 6. Januar diesen Jahres rund 84 Kilogramm Marihuana in seinem Auto gefunden wurden. Mehr aktuelle Informationen und die Kampagne für seine Freilassung findet ihr auf www.freedanabeal.org

Marc Emery (geb. 1958)

Poster der Free Marc Emery Kampagne Poster der Kampagne für die Freilassung des Kanadiers Marc Emery

Der Kanadier Emery kann auf eine lange Karriere als Lokal-Politik-Aktivist zurückblicken. Zur Legalizeszene kam er eher zufällig, weil er erfuhr, dass es illegal sei, das US-Magazin “High Times” nach Kanada zu importieren. Der Radikal-Liberale Emery gründete daraufhin 1991 ein Unternehmen und tat genau das. Das gegen ihn angestrengte Gerichtsverfahren führte dazu, dass das Importverbot aufgehoben wurde.

1996 zog Emery nach Vancouver (British Columbia) um und gründete in dieser liberaleren Region des Landes das erste Hanf-Fachgeschäft Kanadas.
Die vielen im Laufe der kommenden Jahren in dem kleinen “Hemp BC” genannten Laden erfundenen Legalisierungsprojekte finanzierte Emery mit einem massiven Handel mit Hanfsamen. Kritiker warfen dem von Emery herausgegebenen Hanfmagazin “Cannabis Culture” schnell vor, ein reines Werbeheft für Emery und seine Samenbank zu sein.

Fakt ist jedoch, dass er den weit überwiegenden Teil seiner Einnahmen in Legalisierungsprojekte, -organisationen und -kampagnen investierte. Ohne Emerys Millionen sähe die Situation in den USA anders aus. Ohne Emerys Spenden gäbe es z.B. keinen GMM.

Im Jahr 2005 wurden Emery und zwei seiner Mitarbeiter von kanadischen Behörden verhaftet, weil ein Auslieferungsersuchen der USA vorlag. Die DEA und US-Staatsanwaltschaft warfen Emery vor, mit seinem Samenversand in die USA “millionenfach zum illegalen Anbau von BtM” beigetragen zu haben. Emery wehrte sich daraufhin lange gegen seine Auslieferung, musste sich aber “um seine Mitarbeiter zu schützen” im Januar 2008 auf einen Deal mit den US-Behörden einlassen und stimmte seiner Auslieferung letztlich zu.
Er wurde zu einer Haftstrafe von 5-6 Jahren verurteilt, die er im Moment in US-Gefängnissen absitzt. Emery hofft darauf im Laufe des kommenden Jahres in ein kanadisches Gefängnis überstellt zu werden.

Wer Marc Emery die Zeit im Knast verkürzen, ihm einen Brief o.Ä. schicken will, der findet auf www.freemarc.ca alle nötigen Informationen.

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