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Steffen Geyer über Cannabis, Drogenpolitik und die Legalisierung

Polizisten sind (keine) Menschen!?

In den vergangenen Monaten hat die Intensität polizeilicher Maßnahmen gegen Cannabiskonsumenten, Homegrower und politische Veranstaltungen zum Thema Legalisierung von Hanf in Berlin spürbar zugenommen. Besonders besorgniserregend war für viele Beteiligte das martialische Auftreten der Berliner Polizei auf dem Hanftag 2010.

Indianerblick auf der Fuckparade 2007 Meisterschaft im Indianerblick auf der Fuckparade 2007

Angesichts der (Über)Macht grün-weißer Gewaltmonopolisten und der mit “antidemokratische Schikane” noch freundlich beschriebenen Durchsuchungspraxis wird in der Legalizeszene heftig über Sinn und Risiken etablierter Protestformen diskutiert. Einigkeit herrscht eigentlich nur darüber, dass (auch) neue Wege beschritten werden müssen.

Die polizeiliche Radikalisierung führt leider dazu, dass die BeamtInnen verstärkt als “Feinde” betrachtet werden, denen mit “scharfen Waffen, statt stumpfen Worten” entgegengetreten werden “müsse”.

Beispielhaft für diese in meinen Augen beunruhigende Entwicklung möchte ich eine Email öffentlich beantworten, die mich per Kontaktformular erreichte.

Hallo Steffen,
mache mir gerade ein wenig Sorgen ob die Freiheitsberaubung, die bei dir annehmlicherweise vollzogen wurden am 22.5. und bis heute anhalten könnte…

Aber ich schreibe wegen einer Idee: Es beginnt die Festival Zeit und besonders bei Summerjam und Chiemsee Reggae Summer Festival wäre es gut, wenn wir den Leuten per Exessiv sagen, sie sollen alles auf Cam speichern, was an Unrecht seitens der Polizei widerfährt…
Wenn wir z.B. auf der Summerjam am Donnerstag schon Bilder von den jeweiligen Zivilbeamten machen, könnten wir sie direkt outen und somit könnte es für viele aus Bayern existenssichernd sein…

Also die Grundidee war es, Cop Catcher zusammen zu trommeln. Bei der Summerjam haben wir Kommunikationsmöglichkeiten wie Trommeln, also könnte man ja ein Frühwarnsystem errichten.

Hoffe ich strapaziere nicht deine Nerven mit meinen Einfällen und wünsch dir das, was du dir halt so wünschst :o)

Grüne Grüße,
XXX

Ola XXX!

Zunächst - Es geht mir gut. Bin auf dem FlashSmoke nur für kurze Zeit verhaftet gewesen, weil man mir vor Ort nix konnte. Nichts desto trotz macht mir die Aktion bzw. die Reaktion der Polizei Bauchschmerzen und ich weiß nicht so recht, wie ich darauf reagieren soll.

Durchsuchung auf dem 1. FlashSmoke in Berlin Durchsuchung statt FlashSmoke
(Mai 2010)

Insgesamt wird die Stimmung in Berlin immer unfreundlicher… Wir nähern uns leider dem Wahlkampf und die Staatsanwälte müssen sich potentiellen neuen “Herren” empfehlen. Das alte Spiel mit uns Kiffern als schwächstem Glied der Nahrungskette geht in eine neue Runde.

Zum Glück hatte ich in den vergangenen Wochen eine Menge zu tun und konnte mir deshalb die nötige Bedenkzeit nehmen. Inzwischen ist ein Plan in mir gereift, der aber noch nicht 100prozentig spruchreif ist. Mehr dazu im nächsten Tagesrausch oder so :)

Auf dem Weg zur Grünen Armee Fraktion?

Ich halte wenig davon, den Konflikt mit der Polizei auf die falsche Art zu eskalieren. Die “Enttarnung” von Zivilbeamten wäre in meinen Augen ein Schritt in Richtung “Grüne Armee Fraktion“. Lass mich dir meine Bedenken erklären:

Ich bemühe mich Polizisten stets höflich aber bestimmt zu begegnen. Damit dies auch in Stresssituationen gelingt, hilft es (mir), mich daran zu erinnern, dass die BeamtInnen in aller Regel keinen persönlichen Groll gegen mich oder “uns Konsumenten” hegen.
Ich weiß, dass es Ausnahmen gibt, aber die überwiegende Mehrheit der PolizistInnen macht einfach ihren Job. Die Gesetze, die sie durchsetzen, und die Art wie sie dies tun, haben sie sich nicht ausgesucht. Polizisten im Einsatz sind keine “Individuen wie du und ich”, sondern uniform(iert)e Repräsentanten eines gesichtslosen (Herrschafts)Apparates.

Polizisten sind ebenso Opfer der falschen Drogenpolitik, wie wir es sind. Unser “Feind” trägt keine Uniform sondern Anzug und Krawatte. Er sitzt nicht im Streifenwagen, sondern in den Parlamenten.

Wenn wir beginnen Menschen in Uniform auf ihre Identität als Mensch zu reduzieren und die Uniform ausblenden, wenn wir sie auf einer menschlichen Ebene angreifen oder verwundbar machen, dann wird dies nicht dazu führen, dass wir freundlicheren oder verständnisvolleren Polizisten begegnen werden.

Im Gegenteil muss die “Enttarnung von Zivis” oder ein trommelgestütztes “Polizeifrühwarnsystem” dazu führen, dass die Betroffenen BeamtInnen bei der nächsten Kontrolle mit Angst oder Wut im Bauch vorgehen.

Ich kann deinen Wunsch etwas gegen die Kriminalisierung der Konsumenten zu unternehmen sehr gut nachvollziehen. Personalisierte Aggression, der Versuch einzelne PolizistInnen für die Fehler der Politik haftbar zu machen, wird in meinen Augen nur eines erreichen - eine Spirale der Gewalt in Gang zu setzen. Ich bezweifle sehr, dass wir an ihrem Ende der Legalisierung von Cannabis näher gekommen sein werden.

Widerstand gerne, aber gewaltfrei!

Wenn wir gemeinsam nachdenken, finden wir sicher eine Möglichkeit, auf die erwartbar massiven Polizeieinsätze bei “szenetypischen” Festivals zu reagieren, ohne dass wir einzelne Beamte persönlich angreifbar machen.

Eskalation des Konflikts? Ja gerne, dann aber überlegt und ohne Aufrufe zur Gewalt! Bei einem “Krieg” gegen die Polizei können wir nur verlieren.

“Mit geballter Faust kann man keine Hände schütteln.” (Indira Gandhi)

Mit hanfigen Grüßen
Steffen


Soviel zu meiner Antwort auf die Frage “Sollen wir Zivilbeamte enttarnen, um Konsumenten vor Kontrollen auf Festivals zu schützen?” Wie seht ihr das?

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