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Steffen Geyer über Cannabis, Drogenpolitik und die Legalisierung

Cannabis in Polen - Spliff und Wolne Konopie

Nachdem ich im Interview mit dem Chefredakteur der Konoptikum viel Erfreuliches über das drogenpolitische Tauwetter in Tschechien erfahren habe, betrübt es mich umso mehr, über ein Land berichten zu müssen, in dem noch schlimmste Cannabis-Eiszeit herrscht.

In Polen ist das Klima für Kiffer und Legalize-Aktivisten ungleich kälter als in Deutschland.

Marcin Glutek, Chefredakteur der polnischen Hanfzeitung Spliff, erzählt im neuen Tagesrausch “Cannabis in Polen - Spliff und Wolne Konopie“, unter anderem von drakonischen Strafen selbst für den Besitz winziger Mengen Cannabis.

Zum Glück trägt die extrem repressive polnische Gesellschaft den Keim einer liberaleren Zukunft bereits in sich. Weitgehend unbemerkt von den deutschen Medien wächst bei unseren polnischen Nachbarn eine starke Legalisierungsbewegung heran, die auch vor “beinahe illegalen” Aktionen nicht zurückschreckt.

Ich befragte Glutek deshalb auch nach den Plänen für die Global Marihuana March Demonstration in Warschau und wollte wissen, wie es sein kann, dass Wolne Konopie in Polen kostenlos Hanfsamen verteilt.


Die Hanfzeitung Spliff - Gazeta konopna Spliff

Steffen: Hallo Glutek! Du bist Chefredakteur von Spliff. Was ist Spliff?

Marcin Glutek: Hallo! Ich bin Marcin Glutek aus Warschau. Ich werde versuchen etwas deutsch zu sprechen.

Das ist Spliff. Ein polnisches Magazin … Wir schreiben über Cannabis. (lacht)

Unser wichtigstes Ziel ist es, die Drogenpolitik Polens zu ändern, die noch weit restriktiver ist, als die Schwedische. Eine der restriktivsten und repressivsten in ganz Europa.

Leute werden verhaftet, eingesperrt und für 0,1 Gramm einen Monat ins Gefängnis geworfen. Das passiert wirklich! Theoretisch kann man dafür sogar drei Jahre Gefängnis kriegen.

Steffen: Für den Besitz einer kleinen Menge drohen drei Jahre Gefängnis?

Marcin Glutek: In Europa sind Polen, die Slowakei und Bulgarien die einzigen Länder mit einer so repressiven Drogenpolitik.

Steffen: Gibt es auf der Straße einen entsprechenden Polizeidruck? Wird bei euch mehr kontrolliert als in Berlin?

Marcin Glutek: Kommt nach Polen und überprüft es…

Steffen: Das bedeutet - Kommt nach Polen und sie werden euch überprüfen.

Marcin Glutek: Ja. Sie werden euch überprüfen!

Steffen: Wenn ihr also nach Polen fahrt. Bitte nehmt kein Haschisch mit! Ist das der beste Rat den man geben kann?

Marcin Glutek: … Nein. Bringt eine Menge Haschisch für uns mit! (lacht)

Steffen: Leider sind wir im “deutschen Internet” und es ist uns deshalb nicht erlaubt, etwas zu sagen, dass illegal sein könnte.
Also - Bringt bitte niemals Haschisch von irgendwo nach irgendwo. Wir wollen nicht, dass ihr das macht.

Marcin Glutek: Ich habe rote Augen… Ich werd mich an das Interview eh nicht erinnern. (lacht)

Steffen: Der Name Eures Magazins ist Spliff, also “kleiner Joint”, für die Leute, die das Wort nicht kennen.
Gibt es in der Zeitung auch etwas über den natürlichen Rohstoff und die industrielle Nutzung der Pflanze?

Marcin Glutek: Ja. Wir haben in jeder Ausgabe eine oder zwei Seiten für diese Anwendungen reserviert.

In der letzten Zeit versuchen wir auch mehr und mehr die medizinischen Aspekte in das Heft einfließen zu lassen, weil die gegenwärtig in unserem Land völlig unbekannt sind.

Das ist die aktuelle Ausgabe. Es ist unsere 16. Und das ist die Spliff GMM- Sonderausgabe des letzen Jahres.

Global Marihuana March 2009 in Warschau

Logo des GMM in Warschau - Marsz Wyzwolenia Konopi Marsz Wyzwolenia Konopi - GMM Warschau

Steffen: Habt ihr dieses Jahr auch eine Veranstaltung zum GMM? (Global Marihuana March a.d.A.)

Marcin Glutek: Ja, die haben wir jedes Jahr. Die Veranstaltung wächst und wächst … Sie findet in Warschau statt. Im Mai, wie der Global Marihuana March.

Wir laden alle Zuschauer dazu ein. Der Event ist jedes Jahr doppelt so groß, wie im Jahr zuvor.

Steffen: Wir hatten in Deutschland vor zehn Jahren mit der Hanfparade eine Veranstaltung, die sich sehr ähnlich entwickelt hat … Für mich klingt das sehr nach der “guten alten Zeit” bei uns in Deutschland.

Ich habe gehört, dass es als Reaktion auf die starke Repression auch eine starke Legalisierungsbewegung gibt. Stimmt das?

Marcin Glutek: Ja. Die Bewegung gibt es jetzt schon viele Jahre. So lange, dass sich niemand mehr erinnert, wie alles begonnen hat.
Wir arbeiten alle hart, aber es ist ein nervenaufreibender Job und sehr stressig. Und gefährlich ist er auch.

Wir haben in Polen praktisch alle Medien gegen uns. Also helft uns - unterstützt uns! Unterstützt die polnische Legalisierungsbewegung!

Wolne Konopie - Befreit Cannabis

Steffen: Unterstützen… aber wen? Welche Organisation in Polen ist den die aktivste?

Marcin Glutek: Das ist “Wolne Konopie“. Das bedeutet soviel wie “Befreit Cannabis”. Der frühere Name war Hemplobby.

Steffen: Ah.. An die Hemplobby kann ich mich erinnern. Die habe ich mal auf einer ENCOD-Versammlung in Antwerpen getroffen.

Marcin Glutek: Ja… und in Wien.

Steffen: Stimmt…2003.

Hat Wolne Konopie gerade eine besondere Kampagne, die die Zuschauer aus Deutschland unterstützen können?

Marcin Glutek: Ihre wichtigste Veranstaltung ist die polnische GMM-Demonstration.

Es gibt aber auch verschiedene andere Kampagnen. In der letzten Zeit entwickelt sich “Open Seed” zur Wichtigsten.
Das “Open Seed Project” verteilt kostenlose Hanfsamen an jeden, der sie möchte - einen Outdoor Mix.

Steffen: Ich bin mir ziemlich sicher, dass man keine Samen nach Deutschland versenden darf. Aber gesetzt den Fall, ich wäre in Polen - rufe ich Wolne Konopie einfach an und die senden mir Samen? Oder muss ich denen was bezahlen und sie senden mir Samen? Wie funktioniert das?

Marcin Glutek: Wenn Du in Polen bist, dann schreibst Du einfach eine Email, bezahlst für den Versand … so genau weiß ich das gar nicht … sagen wir 1 Euro für den Versand. Du kannst natürlich soviel mehr Bezahlen, wie Du als Unterstützung geben möchtest. (lacht)

Dann kriegst Du kostenlose Samen, sähst den Outdorr Mix und schickst dann die Bilder.

Steffen: Wenn man Cannabis anbaut ist das doch sicher illegal? Wenn der Besitz verboten ist, dann “sollte” der Anbau ja auch verboten sein.

Wenn man also auf diese Art Samen verteilt - Ist das nicht illegal? In Deutschland wäre diese Kampagne illegal.

Marcin Glutek: Nun… niemand baut mit diesen Samen “in Polen” an.

Steffen: Verstehe. Dann seid ihr also gerade so wenig illegal, dass ihr nicht verklagt werdet?

Drogen in Polen kein Thema?

Marcin Glutek: Ja. Das ist so.

Aber was vielleicht noch wichtiger ist - Die repressiven Kräfte in Polen wollen diesen Konflikt nicht, keine Diskussion über diese Frage beginnen.

Sie wollen das Thema Cannabis eher unter der Oberfläche halten. Sie wollen keine lokalen Berühmtheiten, keine Helden erschaffen.

Steffen: Klingt, als wäre die polnische Gesellschaft geistig noch sehr katholisch und will keine Märtyrer erschaffen.

Wie viele Leute erwartet ihr auf dem nächsten GMM-Event in Warschau?

Marcin Glutek: Zehntausend.

Steffen: Also so viele wie in Prag. Warum sollten die Zuschauer zum GMM nach Warschau kommen, statt den in Prag zu besuchen?

In der letzten Ausgabe hatte ich den Chefredakteur der Konoptikum zu Gast und der hat die Veranstaltung in Prag sehr schön beworben. Das ist jetzt Deine Chance, das Gleiche für die GMM-Veranstaltung in Warschau zu tun.

Marcin Glutek: Bei unserer Party geht es nicht nur darum zu kiffen und Spaß zu haben. Bei uns geht es um mehr - uns geht es um Befreiung!

Man könnte sagen, Prag ist schon befreit. Jetzt ist es daran, dies bei uns zu erreichen.

Steffen: Wenn man also Spaß haben will, sollte man nach Prag fahren. Und wer “etwas tun möchte”, politisch aktiv werden möchte, der sollte nach Warschau gehen?

Marcin Glutek: Spaß gibt es bei uns natürlich auch.

Steffen: Wann ist das GMM-Event in Warschau?

Marcin Glutek: Das ist am 23.Mai - Man kann also erst in Prag und Berlin und dann in Warschau sein.

Steffen: … GMM-Hopping … (lacht)

Hast Du noch irgendetwas, was die Zuschauer über Spliff oder den GMM in Warschau wissen sollten?

Marcin Glutek: Ich habe einen netten Slogan - Red Eyes Unite! Rote Augen vereinigt euch!

Steffen: Danke für das Interview. Auf wiedersehen!