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Steffen Geyer über Cannabis, Drogenpolitik und die Legalisierung

Cannabis - Teufelsdroge oder Wundermittel?

Cover der Märzausgabe 2009 des Würzburger Stadtmagazins Port01 Märzausgabe des Stadt- und Kulturmagazins Port01 Würzburg

Das Stadt- und Kulturmagazin Port01 nahm die Erteilung einer Ausnahmegenehmigung für die Verwendung natürlichen Cannabis als Medizin an sieben Patienten zum Anlaß, um über das verbreitetste illegalisierte Rauschmittel zu informieren.

Vier Interviews sollten Cannabis und seine Konsumenten aus vier unterschiedlichen Sichtweisen zeigen und es dem Leser so ermöglichen, selbst zu entscheiden, wie viel Wahres in den Klischees von der süchtigmachenden Wundermedizin steckt.

Bettina Pfeuffer befragte dafür eine Vertreterin des Suchthilfeprojekts mindzone, den Geschäftsführer des Headshops Rumpelstilzchen und den leitenden Oberstaatsanwalt der Stadt Würzburg. Der vierte im Reigen der Interviewten war ich.

Weil leider nicht das ganze Interview in der Märzausgabe des Würzburger Port01 Platz hatte und die ihre Artikel im Internet nur als Flashversion anbieten, findest Du im Folgenden eine ungekürzte und auch ohne Flash lesbare Version meines Interviews mit Bettina Pfeuffer von Port01 :)


Cannabis - Teufelsdroge oder Wundermittel?
Interview im Port01 Würzburg Ausgabe März 2009

Bettina Pfeuffer: Als ein so genannter Hanfaktivist hast du eine positive Einstellung zum Thema Cannabis. Warum ist Cannabis eigentlich wirklich illegalisiert worden?

Steffen Geyer: Den ersten Schritt auf dem Weg in Richtung Hanfverbot ging man 1925 bei einer Opium-Konferenz in Genf. Dort brachten die Delegierten Ägyptens und der Türkei den Antrag ein, auch Cannabis in die Liste der kontrollierten Substanzen aufzunehmen. Dies taten sie nicht, weil es Probleme mit den Konsumenten gab, sondern weil sie ihre landeseigene Cannabisproduktion vor indischer Konkurrenz schützen wollten. Obwohl die Vertreter von 18 der 19 teilnehmenden Staaten keine Informationen über gesundheitliche oder soziale Probleme mit Cannabis hatten, stimmte eine knappe Mehrheit für den Antrag. Als Gegenleistung für das Ja der Deutschen wurde beschlossen, keine neuen Verkaufsbeschränkungen für Kokain und Heroin zu verhängen. Das Schicksal der deutschen Unternehmen Merck und Bayer hing damals stark von diesen “Medikamenten” ab.

In den 30er Jahren ging von den USA eine weltweite Anti-Cannabis-Kampagne bisher ungekannter Größe aus, die Marihuana als Kraut der Mörder und Vergewaltiger, Grund für Wahnsinn und als Todesdroge darstellte. Die als Aufklärung getarnte Propagandaschlacht ist eng mit dem Namen Harry Anslinger verknüpft.

Der seit 1930 für das US Bureau of Narcotics zuständige Anslinger erhielt 1931 die gerade in Zeiten der Depression gigantische Summe von 100.000 Dollar, um die Gefährlichkeit von Cannabis zu beweisen. Mit einer Mischung aus Lügen, Rassismus und Hysterie gelang es ihm, Angst vor der Wirkung eines Genussmittels zu wecken, das den Menschen über Jahrtausende begleitet hatte. Am 1. September 1937 unterzeichnete der amerikanische Präsident Roosevelt den “Marihuana Tax Act“, offiziell nur ein Steuergesetz, der den Anbau und Besitz von Cannabis praktisch verbot.
Weil Anslinger in engem Kontakt mit der Pharma- und Chemieindustrie stand und viele seiner “Freunde” vom Verbot der Nutzpflanze und der Ächtung von Cannabis profitierten, ranken sich bis heute unzählige Verschwörungstheorien um den wahren Grund des damals begonnen Kriegs gegen Cannabis.

Anslinger selbst hat in den 70er Jahren gesagt: Sicherlich ist Marihuana eher harmlos. Aber die Sache war ein Beispiel dafür, dass ein Verbot die Autorität des Staates stärkt.

Gefahren des Cannabiskonsums

Wie schätzt du die Gefahren beim Hanfkonsum ein?

Heute ist die Ursache für die größten Gefahren die für Konsumenten von Cannabis bestehen seine Kriminalisierung. Der Verlust des Führerscheins, des Arbeitsplatzes oder die soziale Ächtung wiegen oft schwerer, als substanzspezifische Probleme.

Natürlich ist Cannabis auch ohne Strafverfolgung nicht gänzlich “harmlos”. Die akuten Nebenwirkungen sind gerötete Augen, Kreislaufprobleme, Desorientierung und verminderter Speichelfluss. Sie klingen jedoch mit Ende der Rauschwirkung ab.

Auf lange Sicht droht 2-5 Prozent der Konsumenten eine psychische Abhängigkeit. Das ist ein Abhängigkeitspotential, wie es z.B. auch Kaffee besitzt.
Atemwegserkrankungen betreffen einen etwas höheren Anteil der Konsumenten. Dies gilt für Deutschland umso mehr, als das hier oft ein Gemisch aus Cannabis und Tabak geraucht wird. Eine “begleitende” Nikotinabhängigkeit ist denn auch die häufigste Langzeitfolge des Cannabiskonsums.

Besondere Brisanz kann Cannabiskonsum für jenes Prozent der Bevölkerung gewinnen, das eine latent vorhandene Psychose hat. Hanf steht unter dem Verdacht, den Ausbruch schlafender Erkrankungen dieser Art unter Umständen zu beschleunigen. Die Wissenschaft ist sich jedoch einig, dass Cannabis keine Psychose verursacht, wenn man keine entsprechende Veranlagung hat.

Wem hilft Cannabis als Medizin

Was genau sind die medizinischen Vorteile von Cannabis?

Die Chinesen waren die ersten, die Cannabis als Heilpflanze einsetzten. Bereits in einem Buch aus dem Jahr 2737 v. Chr. wird ihre medizinische Verwendung beschrieben. Im Pen Tsao, dem unter Kaiser Shen Nung verfassten ersten Arzneibuch der Welt, heißt es, dass Cannabis als Heilmittel gegen Malaria, Rheuma und viele andere Unpässlichkeiten eingesetzt werden kann. Blätter und Blüten der Pflanze können “gegen Schmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen und weibliche Probleme” helfen.

Bis zum I. Weltkrieg blieb Hanf die am häufigsten verwendete Medizinalpflanze. Sie wurde gegen Schmerzen, Verdauungs- und Durchblutungsstörungen, Glaukom und spastische Erkrankungen verordnet.

Heute werden Cannabinoide, die wirksamen Bestandteile der Cannabispflanze vorwiegend bei folgenden Diagnosen verordnet:

Cannabis ist jedoch kein Wundermittel. Manche Patienten profitieren kaum von ihm, andere schwören auf die billige, nebenwirkungsarme Medizin.

Cannabis aus der Apotheke - Quo vadis?

Vor kurzem wurden von der Bundesopiumstelle in Bonn sieben Ausnahmegenehmigungen an Patienten erteilt, die Cannabis nun von der Apotheke erhalten können. Denkst du, das ist ein Schritt in die richtige Richtung?

Natürlich freue ich mich darüber, dass nun zumindest theoretisch die ersten Patienten natürliches Cannabis legal als Medikament nutzen dürfen. Ich würde mir jedoch wünschen, dass die behandelnden Ärzte selbst entscheiden dürfen, was ihren Patienten hilft.
Viele Mediziner und Betroffene scheuen den jahrelangen Kampf um eine Genehmigung des BfArM. Immer wieder versterben Patienten bevor die Behörde überhaupt eine Entscheidung getroffen hat.

Um eine Verharmlosung des Rauschmittels Cannabis zu verhindern und ein Gesetz zu erhalten, das aus vielen guten Gründen umstritten ist, wird von der Politik das Leid hunderttausender (schwer)kranker Menschen hingenommen.

Wer den kostengünstigen Zugang zu medizinischem Cannabis verweigert, wer Patienten auf die Erteilung einer bürokratischen Erlaubnis warten lässt, wo schnelle Hilfe gefordert ist, wer an einem Gesetz festhält, das das Elend von Kranken unnötig vergrößert, hat nicht verstanden, dass Leben auch lebenswert sein muss.

Die Legalisierung von Cannabis als Medizin ist keine Frage der Drogenpolitik, sondern eine der Menschenwürde!

Hanf legalisieren - Aber wie?

Was wäre deiner Meinung nach ein gutes Konzept, mit dem Thema umzugehen?

Es ist an der Zeit, dass die Politik die wissenschaftlichen Fakten anerkennt und die Cannabispolitik an seiner vergleichsweise geringen Gefährlichkeit orientiert. Ich plädiere für die Überführung von Cannabis aus dem BtMG in das Jugendschutzgesetz.

Erwachsene Konsumenten sollten Cannabis in Zukunft legal in Drogenfachgeschäften kaufen dürfen. Das Personal dieser Einrichtungen sollte eine besondere Schulung durchlaufen und z.B. Fragen zu Nebenwirkungen beantworten können. Ich wünsche mir darüber hinaus eine enge Verknüpfung von Rauschmittelabgabe und Suchthilfe.

So wie Heute manch Wirt mehr über die Alkoholprobleme seiner “Stammgäste” weiß, werden auch die Verkäufer in Cannabisgeschäften ein Auge für problematische Konsummuster haben. Es wäre daher wünschenswert, dass sie Strategien und Angebote gegen Abhängigkeitserkrankungen kennen und diese den Konsumenten vermitteln können.

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Vielen Dank für das Interview!