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Steffen Geyer über Cannabis, Drogenpolitik und die Legalisierung

Warum Kinder kiffen (dürfen müssen)

Drunken Girls, Foto Michael Sänger “Drunken Girls”
Foto: Michael Sänger

“Drogen”konsum jugendlicher Menschen ist in unserer Gesellschaft unvermeidbar! Ich finde es falsch, seine Verbreitung zum Maßstab der an Erwachsene gerichteten Drogenpolitik zu machen.

Wir alle nutzen in unserem Alltag diverse Rauschmittel von Schokolade über Kaffee/Cola/Tee bis zu Tabak und Alkohol. Dazu kommen unzählige Stimulie, denen wir erliegen, weil sie Dopamin, Endorphin oder Adrenalin ausschütten (helfen) - Manche turnen mit dem neuen Elektrospielzeug, andere mit Geschwindigkeit, dritte mit Sport bis zur totalen Erschöpfung. Die wenigsten Erwachsenen hinterfragen diese Dauerpräsenz berauschender Momente in ihrem Leben.

Dennoch wird (auch im Kreise der Legalisierungswilligen) beständig die Forderung erhoben, Kinder und Jugendliche müßten “drogenfrei” leben.

Eine drogenfreie Gesellschaft der Jugendlichen ist in Wahrheit ebenso illusorisch wie jede drogenfreie Gesellschaft.

Junge Menschen kopieren die sie sozialisierende Umgebung. Wer erlebt, dass der Kaffee zum Frühstück, die Zigarette nach dem Essen, das Feierabendbier oder der Sekt zum Geburtstag dazu gehören, wird ihr Potenzial auch am eigenen Leib erfahren wollen. Wer in Medien und Alltag fortwährenden Versuchen psycho-chemischer Manipulation ausgesetzt ist, wird selbst manipulieren wollen.
Es ist an der Zeit, dass wir Erwachsenen dies jugendliche Rauschbedürfnis anerkennen und ihm den gleichen Wert beimessen, den wir für unseren Umgang mit Wachmachern, Entspannungs- oder Ansprechhelfern fordern.

Die Existenz einer gesetzlichen Altersfreigabe für bestimmte Rauschmittel macht wenig besser und Vieles gefährlicher.

Unsere Gesellschaft ist merkwürdig schizophren. Beim Fahrrad fahren z.B. starben allein letztes Jahr knapp 400 Menschen. Gerade Kinder und Jugendliche sind gefährdet. Trotzdem gibt es Fahrräder in jedem Kaufhaus. Die meisten Kinder wollen eines haben und Eltern erfüllen diesen Wunsch (sofern es der Geldbeutel zuläßt) in der Regel bereitwillig. Gesetzliche Zugangshemmnisse oder Altersgrenzen gibt es nicht, denn Fahrrad fahren muss man “lernen”.

Ganz anders verhält es sich z.B. mit Informationen über Drogen. Ich spreche nicht von den Substanzen an sich - lediglich drüber reden, Stoffkunde, Wissen um Wirkung und Nebenwirkung. Da wird ganz schnell der (innere) Zensor aktiv. Wer mit Jugenlichen über Drogen spricht, ist verdächtig sie zum Konsumieren zu verführen. Und das “darf” (und kann) man erst ab einem bestimmten Alter.
Egal ob diese magische Grenze nun 16, 18 oder gar 21 Jahre beträgt, geht sie an der Realität vorbei. Im wirklichen Leben sind junge Menschen nämlich indiviuell ganz unterschiedlich weit “entwickelt”. Was der Eine mit 14 einordnen und verarbeiten kann, überfordert Andere auch mit 25 noch bis zum Trauma.

Schlimmer noch - Altergrenzen und ihre Durchsetzung nehmen jungen Menschen die Möglichkeit, risikoarmen Umgang mit Rausch(mitteln) in sicherer Umgebung zu erlernen. Altersgrenzen fördern die rasche Eskalation der Konsummuster, erschweren den Zugang zu Hilfsangeboten und gehen mit sozialer Ausgrenzung einher. Sie verursachen und beschleunigen damit Abhängigkeitserkrankungen und Suchtkarrieren.

Wer Hänschen daran hindert, selbstbestimmt, selbstbewusst und aufgeklärt mit Rausch zu experimentieren, darf sich nicht wundern, wenn Hans den Krankenkassen und Sozialsystemen “auf der Tasche liegt”. Auch Drogen nehmen muss man lernen!