UsualRedAnt

Steffen Geyer über Cannabis, Drogenpolitik und die Legalisierung

Reden, Reden, Reden - Macht doch mal was

Das Gehirn ist eine wunderbare Sache. Es funktioniert bis zu dem Zeitpunkt, wo du aufstehst, um eine Rede zu halten. (Mark Twain, US-amerikanischer Schriftsteller)

Poster der Hanfparade 2014

Weil es aktuell vergleichsweise viele einschlägige Anfragen sowie öffentlich geäußerten Frust nach unerwarteten Antworten gibt, würd ich gern mal ein, zwei Sachen rund um die Hanfparade, Deutschlands größter Demonstration für die Legalisierung von Cannabis als Rohstoff, Medizin und Genussmittel, erklären.

Nach dem Selbstverständnis des Organisationsteams (ich behaupte jetzt einfach mal, da im Sinne aller MitstreiterInnen zu sprechen) ist es ein wichtiger Teil unserer Legalisierungsbemühungen, jenen zu öffentlicher Aufmerksamkeit zu verhelfen, die die politische Debatte über Drogenpolitik bereits mitgestalten. Das können PolitikerInnen, AktivistInnen, PatientInnen, ÄrztInnen, HanfbäuerInnen oder -verarbeiterInnen, JournalistInnen, RechtspflegerInnen, Angehörige oder schlicht NutzerInnen sein.

Damit die Gedanken dieser Menschen, die Herzen und Hirne der nichtkonsumierenden Bevölkerungsmehrheit erreichen, nutzen wir auf der Hanfparade verschiedene “Werkzeuge”. Der gerade hinsichtlich der Außenwirkung mächtigste Trick in der Demozauberkiste sind die Redebeiträge auf Start-, Zwischen- und Schlusskundgebung. Mit einer Rede erreicht man nämlich nicht nur die TeilnehmerInnen und Zaungäste vor Ort. Wir zeichnen die Beiträge auf, sichten das Material und veröffentlichen die sonst so flüchtigen Worte z.B. auf Youtube.
Eine Hanfparaden-Rede wirkt deshalb weit über das Ende des Tages hinaus und erreicht im Zweifel sehr viele Menschen.

Leider ist die Anzahl dieser Redebeiträge durch die Aufmerksamkeitsspanne der TeilnehmerInnen, die die zur Verfügung stehende Zeit und widerstreitende andere Bedürfnisse (Musik, Sprechchöre, Einzel- und Gruppenaktionen usw.) begrenzt. Für die kommende Ausgabe der Demonstration, die am 9. August 2014 unter dem Motto “Grünes Licht für die Legalisierung!” in Berlin stattfinden wird, planen wir aktuell mit insgesamt 26 RednerInnen.
Sechsundzwanzig - Diese Zahl wirkt auf den ersten Blick hoch und es ist auch das mit Abstand breiteste Redebeitragsangebot der deutschsprachigen Hanfdemoszene. Sechsundzwanzig reicht dennoch längst nicht aus, um allen Redewilligen Rechnung zu tragen. Das Orgateam der Hanfparade hat deshalb die mitunter unangenehme Aufgabe die “wirksamsten” Reden bzw. SprecherInnen auszuwählen.

Für die Hanfparade 2014 haben wir uns dazu entschieden, diesen Auswahlvorgang in zwei Etappen zu meistern. Zunächst haben wir ein Wunschprogramm für die Dinafembühne auf der Abschlusskundgebung vor dem Brandenburger Tor erstellt. Neben den suchtpolitischen SprecherInnen der im Bundestag vertretenen Parteien werden hier u.a. internationale und nationale Szenevertreter und Cannabispatienten sprechen. Bei der Veröffentlichung unserer Dinafembühnenpläne Anfang Dezember erhielten wir viel Lob für die Ausgewogenheit des Programms.
Die KritikerInnen (”Da fehlt noch …” “Was ist mit …?” “Ich will auch sprechen!”) verwiesen wir darauf, dass auf bei der Auftaktveranstaltung auf dem Washingtonplatz, sowie bei den Zwischenkundgebungen vor der Parteizentrale der Grünen und dem Bundesgesundheitsministerium noch ein gutes Dutzend RednerInnenplätze zu vergeben sind. Gleichwohl war schon im Dezember klar, dass nicht jede/r ans “offizielle” Parademikro dürfen wird.

Noch eineinhalb Monate später erreichen mich alle paar Tage Emails oder Anrufe von Redewilligen. Und mindestens ebenso viele Menschen wenden sich mit RederInnenwünschen an mich. Georg Wurth (DHV), Maximilian Plenert (akzept e.V.), Jost Lessmann (Grüne Hilfe Netzwerk e.V.), Ingrid Wunn (Hanfinitiative FFM), Franjo Grotenhermen (IACM, SCM), Stefan Müller (Kein Wietpas, HAMMF e.V.), Markus Berger (Autor, Journalist, Drug Education Agency), Michael Knodt (Exzessiv), Emanuel Kotzian (Agentur sowjet, HanfJournal), Anne Helm (Piratenpartei, BVV Neuköln), Monika Herrmann (Bündnis 907 Die Grünen, Bürgermeisterin Friedrichshain-Kreuzberg), Tibor Harrach (LAG Drogen Berlin bei Bündnis 90/Die Grünen), Heide Hagen (suchtpolitische Sprecherin der Berliner Piratenpartei), Marlene Mortler (MdB, CSU, Drogenbeauftragte der Bundesregierung), Prof. Lorenz Böllinger (Strafrechtler, Schildower Kreis), Hubert Wimber (Polizeipräsident Münster), Mathias Bröckers (Autor, “Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf”), Roger Liggensdorfer (Nachtschattenverlag Schweiz), Richter Andreas Müller (Amtgericht Bernau), Wolfgang Neskovic (ehemaliger Richter am Bundesgerichtshof) - Die Liste der Leute, die “unbedingt Sprechen müssen”, ist beinahe endlos.

Bitte habt Verständnis dafür, dass nicht alle diese Menschen reden können (familiäre Pflichten, krank), wollen (andere Termine) oder dürfen (insb. Amtsträger). Und bitte versteht, dass ein “Sorry, für dich ist kein Redeplatz frei” kein persönlicher Angriff sondern eine den Umständen geschuldete objektive Beschreibung der Fakten ist.
Allen, die die Hanfparade auch ohne offizielle Rede dazu nutzen wollen, ihre Weltsicht einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen, sei die Speakers Corner auf der Abschlusskundgebung ans Herz gelegt. Hier steht euch von 16-22 Uhr ein offenes Mikrofon zur freien Verfügung.