UsualRedAnt

Steffen Geyer über Cannabis, Drogenpolitik und die Legalisierung

Gedanken zum Protestkiffen auf der Hanfparade

I smoke pot and i like it a lot. (Keith Stroup, US-amerikanischer Hanfaktivist und Gründer von NORML)

Poster der Hanfparade 2013Poster der Hanfparade 2013
(große Version als PDF)

Die inzwischen 17. Hanfparade rückt mit Riesenschritten näher. Kaum sieben Wochen trennen uns noch von “Deutschlands größter Demonstration für die Legalisierung von Cannabis als Rohstoff, Medizin und Genussmittel”, die am 10. August in Berlin stattfinden wird.
Anders als in den Vorjahren wird heuer glücklicherweise nicht darüber diskutiert, ob man den hingehe. Die Hanfparade scheint sich endlich wieder als fester Termin in die Kalender der Szene gebrannt zu haben. Statt über das “Ob?” wird über das “Wie?” gestritten. Wie soll man das Demomotto “Meine Wahl? Hanf legal!” mit Leben füllen?

Der Bremer Rauchgerätehersteller, Lebemann und Perückenträger Ziggi Jackson beteilgte sich mit einer provokanten Frage an der Diskussion, die ich, da sie in unterschiedlichem Gewand immer wieder gestellt wird, öffentlich beantworten möchte. Ziggi fragte seine Fans:

Was würde eigentlich passieren, wenn wir alle auf der Hanfparade kiffen würden? Würde Merkel uns alle verhaften lassen?

Ich fang meine Antwort am besten von hinten an.

Lieber Ziggi!

Die Bundeskanzlerin hat weder die Macht, noch die Mittel, noch irgendeine gesetzliche Grundlage für polizeiliche Maßnahmen (z.B. Verhaftungen). Darüber hinaus wird sie sich zur Hanfparade wahrscheinlich gar nicht in Berlin befinden. Es sind Parlamentsferien und wenn sie neben dem Wahlkampf für die Bundestags- sowie Landtagswahlen, diversen Gipfel- und Krisentreffen noch Zeit hat, wird Merkel wohl wieder Urlaub in Ischia machen.

Wer Joints säht wird Sturm ernten - oder so ähnlich.

In meiner Eigenschaft als Versammlungsleiter find ich dein Ansinnen darüber hinaus höchst bedenklich. Zum einen diskreditierst du jene Hanfparadebesucher und -sympatisanten, die seit 17 Jahren dafür kämpfen, nicht nur als “Kiffer” abgestempelt zu werden. Was sollen all die nichtkiffenden Hanfbauern, Bonghändler, Medizinal- und Nutzhanfgebraucherinnen deiner Meinung nach tun?

Auch den kiffenden Demoteilnehmern würdest du damit einen Bärendienst erweisen. Potenzielles massenhaftes Protestkonsumieren (insbesondere wenn es öffentlich vorbereitet passieren soll) ist die perfekte Ausrede für allerlei polizeiliche Schikane- und Teilnahmeverhinderungs-Aktionen, die im Zweifel auch jene erdulden müssen, die von deiner “Aktion” gar nichts wussten. Du vermittelst in meinen Augen eine bedenkliche Botschaft der Eskalation. Im Wettrüsten mit dem “Apparat” können wir Hanfparadebesucher nur verlieren.

Harmloser Spaß oder Politik machen?

Ziggi, du wirfst der Hanfparade gelegentlich vor, sie würde nicht als politische Willensbekundung sondern als reine Spaßveranstaltung wahrgenommen. Hast du ehrlich das Gefühl, ein ritualisiertes Massenkiffen sei ein Schritt in Richtung mediale und politische Seriosität?

Hilft es der Legalisierung, wenn die einzige dauerhafte überregionale Demonstration zu ihrer Förderung mittendrin von der Polizei abgebrochen wird? Wäre es den Rednern und Künstlern sowie den tausenden Demobesuchern gegenüber fair, wenn du riskierst, dass es keine Abschlusskundgebung gibt? Wie viele Menschen würden sich im kommenden Jahr auf die Demo trauen, wenn solch ein Verlauf zu befürchten ist?

Der Spaß, den du auf der Hanfparade hast und hoffentlich mit vielen Tausend teilen wirst, hast du nur, weil es bei anderen ein Bedürfnis basisdemokratischer Teilhabe am politischen Diskurs gibt. Es wäre in meinen Augen höchst leichtsinnig, die Arbeit dieser Menschen für “15 Minuten Medienruhm” zu gefährden.

Pro Joint = gegen die Hanfparade?

Ich weiß, dass es keine Hanfparade ohne polizeiliche Maßnahmen gegen Konsumenten geben wird. Der Zug ist dank engagierter Cannabispatienten endgültig abgefahren.

Auch vorher stand ich mit dem Wunsch nach freiwilligem Verzicht oft alleine da. Stattdessen muss ich jedes Jahr die Beschwerden unfreiwillig Verzichtender anhören, deren “harmloser Joint” oder “nur nen Gramm einstecken” zu unangenehmem Polizeikontakt führte. Ursache dieses unerfreulichen Umstands ist dann aber keinesfalls persönliches Fehl sondern stets das Unvermögen der Veranstalter, die resultierende Polizeiaktion zu verhindern.

Bitte verstehe mich nicht falsch. Ich habe kein Problem damit, dass Menschen auf der Hanfparade Cannabis konsumieren. Dies sollte aber selbstbewusst, selbstbestimmt und eigenverantwortlich geschehen.
Der lustig gemeinte Aufruf eines Szenestars ist meiner Meinung nach keine Motivation, die diese Kriterien erfüllt.

Viel besser fände ich es deshalb, wenn du deinen Fans gelegentlich mal die Frage stellen würdest, was passiere, wenn 300 Polizisten von der Hanfparade nach Hause fahren, ohne auch nur einen Joint beschlagnahmt zu haben?
Wäre das nicht gesellschaftspolitisch und menschlich die viel stärkere Antwort auf Vorkontrollen, Videoüberwachung und Greiftrupps?

Mit hanfigen Grüßen
Steffen

Mehr zum Thema - Hanfparade