UsualRedAnt

Steffen Geyer über Cannabis, Drogenpolitik und die Legalisierung

Diskussion über die Hanfparade 2011

Im Rahmen meiner “Legalisierungs- und Aufklärungsarbeit” bin ich in einer Reihe von Foren aktiv, die sich den Themen “Drogen” und/oder “Cannabis” verschrieben haben. Der folgende Artikel ist ein Ausschnitt aus einer Diskussion, an der ich mich im Zauberpilzforum beteilige.

Alle durch Einrückung als Zitat gekennzeichneten Stellen, stammen vom Forumnutzer MNIW. Ihre Vervielfältigung oder weitergehende Verwendung bedarf seiner Genehmigung!

Zentrale Großdemo vs. Viele an vielen Orten

1)Warum habt ihr die Hanfparade nicht im internationalen Hanfwandertag aufgehen lassen? Der interessierte Zeitgenosse weiss doch gar nicht mehr wo hinten und vorne ist bei all den Ankuendigungen, die im Laufe des Sommers durch das Netz gegangen sind.

Dana Beal auf dem New York City Marijuana March 1994 Hanfaktivist Dana Beal auf dem New York City Marijuana March 1994

Die Hanfparade existiert seit 1997. Der ursprünglich nur in den USA durchgeführte Million Marijuanna March (MMM) kam, dank einer äußerst großzügigen Spende des Kanadiers Marc Emery an den US-Organisator Dana Beal (beide sitzen übrigens derzeit in US-Knästen), im Jahr 2000 zu internationaler Bedeutung. Seit damals heißt die Veranstaltung Global Marijuanna March (GMM). Zum GMM versuchen Aktivisten in aller Welt in möglichst vielen Orten möglichst viele Menschen zu “gleichzeitigen” Pro-Cannabis-Veranstaltungen zu motivieren. Die beteiligten Städte werden auf Wunsch auf den von den USA aus in alle Welt versendeten Poster des GMM genannt werden.

Berlin beteiligt sich seit 2000 durchgehend am GMM. Bis 2009 organisierte das Team der Hanfparade (u.a. ich) die Berliner GMM-Veranstaltungen. Dann trat Emanuel Kotzian, Herausgeber des Hanf Journals, an uns heran und bat darum, die Veranstaltung “übernehmen zu dürfen”. Sein Ziel war einerseits, die Hanfparade-Orga zu entlasten und andererseits die von ihm neu geschaffenen Organisationen Europäische Legalisierungs Front (E.L.F.) und Hanfwerk öffentlich bekannter und damit mitgliederstärker zu machen. Einzelne Hanfparade-Aktive z.B. ich beteiligten sich weiterhin intensiv an der Orgaarbeit zum Berliner GMM, der vom Moment der “freundlichen Übernahme” an Hanftag genannt wurde. Inzwischen gab es drei Hanftage in Berlin und auch eine vierte Auflage im Jahr 2012 scheint sicher.

Als regionales Event (es gibt/gab in den Jahren 2000-2011 u.a. auch GMM-Veranstaltungen in Frankfurt/Main, Köln, Potsdam, Leipzig, Bremen, Hamburg, Passau) gelingt es dem Hanftag jedoch regelmäßig nicht, mehr als 2-300 Leute zur Teilnahme zu motivieren. Am betriebenen Aufwand liegt dies indes kaum, weil selbst eine kostenlose Afterparty und eine Sonderausgabe des Hanf Journals die Teilnehmerzahlen nicht merklich beeinflussten.

Innerhalb der (Berliner/Deutschen) Hanfszene besteht deshalb weitgehend Einigkeit darüber, dass es neben dem Berlin-Event Hanftag noch eine bundesweit mobilisierte Demonstration - die Hanfparade - geben muss/sollte. Eine der wesentlichen Funktionen der Hanfparade ist es nämlich Aktive und potentielle Mitstreiter zu vernetzen und dies gelingt selbst vielen kleinen Veranstaltungen regelmäßig nicht in ausreichendem Maße.

Falls Außenstehende mit der “Vielfalt” der zwei Demos überfordert sind, so gab/gibt es eine einfache Regel: GMM ist immer am 1./2. Maiwochenende - Hanfparade am 1. Samstag im August. Das unklare Zeitfenster des GMM ergibt sich daraus, dass in den USA (wo der GMM geboren wurde) der 1. Mai kein Feiertag ist und deshalb weit weniger politische Bedeutung hat, als z.B. in Deutschland. Weil nun z.B. in Berlin rund um den 1. Mai die Zeitungen “mit Steineschmeissern beschäftigt sind” und das Problem viele Länder betrifft, hat die US-Orgacrew des GMM das GMM-Zeitfenster “verbreitert”.

Legal, illegal, scheißegal?

2) Dass diese Demonstrationen im Rahmen des Gesetzes nichts bringen, ja nicht einmal angenommen werden oder etwa mediale Aufmerksamkeit erzeugen, duerfte nach dem Ausgang der diesjaehrigen Parade deutlich geworden sein.

Ich musste mich vor zehn Jahren entscheiden, ob ich das Hanfverbot mit legalen oder mit “weniger legalen” Mitteln bekämpfen möchte. Ich habe mich damals gegen die “Grüne Armee Fraktion” und für den langsamen Weg der Aufklärung entschieden und bereue diese Entscheidung nicht.

Im Übrigen finde ich nicht, dass die Formulierung “nicht angenommen” ungerechtfertigt ist. Klar haben wir Organisatoren unsere selbstgesteckten Ziele (5.000 Teilnehmer) verfehlt. Fakt ist jedoch auch, dass die Hanfparade mit (leider nur) 2.700 Demonstrierenden wieder mit weitem Abstand das teilnehmerstärkste Pro-Cannabis-Event Deutschlands war. Die mediale Aufmerksamkeit war so groß oder besser klein, wie man es für eine Demo dieser Größe erwarten darf.

Presseecho zur Hanfparade 2011

Darüber hinaus war die Hanfparade Anlass für ganz unterschiedliche Medien sich mit dem Thema Cannabis zu beschäftigen. So war ich z.B. bei Radio Fritz, Radio Corax und beim Online.TV-Magazin “Du hast die Macht” zu Gast. Andere Aktive wie Hans Cousto und Tibor Harrach nahmen ähnliche Termine war.

Was wollen die Hanfparadler?

3) Die vorgesehene Teilnahme von Firmen, die vom Hanfverbot profitieren, macht es wenig glaubwuerdig, dass es euch wirklich um die die Integration von Hanf in die Gemeinschaft geht.

Da wüsste ich jetzt aber schon genauer, wer das sein soll und wie die Hanfparade in deinen Augen über ehrenamtliches Engagement hinaus klarstellen könnte, dass es uns “wirklich um die Integration von Hanf in die Gemeinschaft” geht.

Sind SmokeIns die Lösung?

4) Wenn es jemandem ernst sein wollte, sich zu Cannabis zu bekennen, waere ein Smoke In wesentlich glaubwuerdiger, ueberzeugender und medienwirksamer.

Einen ähnlichen Gedanken hatte ich im vergangenen Jahr nachdem die Polizei den Hanftag massiv behindert hatte. Also erklärte ich via Webvideo, dass ich zwei Tage nach der Veröffentlichung eine Protestkiffaktion namens “Flashsmoke” durchführen würde. Die Polizei nahm das Video zum Anlass, den Veranstaltungsort großräumig abzusperren, mich beim Betreten des Platzes wegen einer “illegalen Versammlung” und des “Aufrufs zu Straftaten namentlich Verstoß gegen das BtMG” vorläufig festzunehmen. In den kommenden 2-3 Stunden wurden alle “verdächtigen Personen” kontrolliert - Unabhängig davon, wer sie waren und was sie auf den Platz getrieben hat. Mehr dazu auf Quo Vadis FlashSmoke?

Es gab danach nur einen einzigen weiteren Versuch meinerseits, eine Protestkiff-Aktion zu starten. Leider spielte da zeitgleich Deutschland gegen Argentinien (bad timing) und kein Schwein interessierte sich für Legalisierungsfoo. Medienberichte über von mir angestoßene Szenemedien hinaus gab es zur Flashsmoke-Aktion nicht. Schon weil sie konsequent von der Polizei verhindert wurde.

Vereinsmeierei mit Hang zur Selbstdarstellung?

5) Komme ich aufgrund dieser Analyse und des Eindrucks, den ich von eurer gestrigen Veranstaltung bekommen habe, dass es bei euch schon lange nur um “Vereinsmeierei” mit einem gewissen Hang zur Selbstdarstellung geht.

Selbst wenn ich mal davon absehe, dass deine Analyse wie eben beschrieben zumindest nicht auf umfassenden Daten beruht und selbst wenn ich ignoriere, dass dir scheinbar nicht aufgefallen ist, dass die Lange Nacht im Hanf Museum kein Event der Hanfparade, sondern eben des Museums ist, geht dein Schluss “Vereinsmeierei mit einem gewissen Hang zur Selbstdarstellung” fehl.

Ich bin weder Mitglied im Museumsverein H.A.N.F. e.V., noch im JaKiS e.V. der die Hanfparade organisiert. Niemand muss irgendwo Mitglied sein oder sich in Vereinen engagieren, um etwas für die Legalisierung zu tun!

Auch der Vorwurf der Selbstdarstellung greift in meinen Augen nicht. Klar werde ich wahrgenommen, aber dann doch in erster Linie weil ich (im Gegensatz zur weit überwiegenden Mehrheit der rund 4 Millionen Cannabiskonsumenten) täglich etwas für die Legalisierung tue. Merke: Aktivist ist, wer aktiv ist! Ich freue mich über jeden, der “was tut/was tun will” und unterstütze jede(n) der dies wünscht nach Kräften mit KnowHow, Rat, Tat und Promotion.

Mein Engagement ist dabei natürlich auch Egoistisch - Immerhin bin ich selbst Konsument und würde von der Straflosigkeit profitieren. Es ist aber primär altruistisch und dadurch motiviert, dass ich jeden Tag am Telefon, per Chat oder Email Kontakt mit Menschen habe, denen das Hanfverbot gerade Familie, Karriere, Führerschein o.Ä. kostet.
Ich fühle mich von den zigtausenden in Knästen und hunderttausende Strafverfahren zur Tat gezwungen. Patienten ohne Medizin und das unnötige Leid ihrer Angehörigen, beim Anblick eines Krümels Hasch vor Angst erstarrte Eltern und Kinder die ohne Vater aufwachsen, weil der keinen Bock auf Schwarzmarkt hatte und der Eigenanbau aufgeflogen ist, lassen mich täglich darüber nachdenken, was ich noch mehr, was ich besser, was mit den bescheidenen Mitteln effektiver getan werden kann, um diesen Wahnsinn zu beenden.

Mehr zum Thema “Hanfparade”